taz.de -- Von der Leyen will Mini-AKWs fördern: Jeder Stadt ihr eigenes Atomrisiko
Die EU-Kommission will kleine modulare Reaktoren voranbringen. Dabei bringen diese nicht weniger Gefahren mit sich als herkömmliche Atomkraftwerke.
Es ist ein Déjà-vu. Blicken wir zurück in die 1980er Jahre: Die Siemens-Ableger KWU und Interatom arbeiteten an einem kleinen Hochtemperaturreaktor, „HTR-Modul“ genannt. Einige Unternehmen zeigten Interesse an dessen Erprobung, darunter der Chemiekonzern Hoechst und das DDR-Chemiekombinat Leuna. Doch nach der Katastrophe von Tschernobyl und weil der Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop als technisches Fiasko endete, wurden alle einschlägigen Aktivitäten Ende 1988 gestoppt.
Jetzt heißen [1][die neuen Kleinreaktoren SMRs, Small Modular Reactors]. Es gibt eine Handvoll Reaktortypen, die als SMR in der Diskussion sind, doch vor allem geht es um den bei großen Blöcken weltweit gängigen Leichtwasserreaktor. Siemens Energy freut sich bereits, die Module könnten künftig „in einer Fabrik vorgefertigt und montiert und dann gebrauchsfertig zum Standort transportiert werden“.
Bringt das wirklich Vorteile? Die hohen Kosten und die langen Bauzeiten potenzieller Anlagen würden immer deutlicher, heißt es im jüngsten World Nuclear Industry Status Report. Unklar sind auch weitere Aspekte. Einen muss Siemens Energy selbst einräumen: „Die Frage, ob SMRs weniger, ähnlich oder mehr [2][Atommüll] als herkömmliche Reaktoren produzieren, kann noch nicht abschließend beantwortet werden.“ Die [3][heikle Entsorgungsfrage bleibt also bestehen.]
Ebenso beunruhigt das Thema Sicherheit. Siemens Energy verweist zwar darauf, dass „Sicherheitssysteme und -standards identisch wie bei normalen AKWs“ seien. Doch in der Praxis dürfte die Sicherheit bei einer Vielzahl dezentraler Einheiten schlechter zu gewährleisten sein als bei wenigen größeren Anlagen.
Über solche Bedenken setzt die EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen sich nun hinweg und legt [4][eine „europäische Strategie für kleine modulare Reaktoren“ vor]. Damit droht zugleich viel Steuergeld in ein neues Abenteuer der Atomtechnik zu fließen. Deutschland sollte sich dagegenstemmen. Einerseits gegen eine neue Auflage der Atomrisiken. Andererseits aber auch grundsätzlich dagegen, dass die Politik im Energiesystem immer wieder neue Subventionen schafft.
Um die Abkehr von Subventionen glaubwürdig vertreten zu können, müsste man dann zwar auch an die Förderung der Erneuerbaren heran. Aber das wäre möglich, denn angesichts riesiger Fortschritte – die Erneuerbaren-Branche erklärt immer wieder, wie billig ihr Strom sei – dürften Sonne und Wind auch ohne Fördergeld ihren Weg finden. Bei der Atomkraft ist das hingegen kaum absehbar.
10 Mar 2026
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