taz.de -- Memoir „Ghost Stories“ von Siri Hustvedt: Unerhört links und continental
Mit „Ghost Stories“ hat Siri Hustvedt ein literarisches Vergissmeinnicht geschrieben, voll aufrichtiger Liebe für den Menschen Paul Auster und seine Gedanken.
Bild: Das Schriftstellerpaar Siri Hustvedt und Paul Auster
Die Trauer teilt Symptome mit der Angst, bemerkte der irische Schriftsteller C. S. Lewis nach dem frühen Krebstod seiner Frau Joy Davidman. Sie kratzt das Menschliche aus uns heraus, macht den Körper zum „leeren Haus“, in dem die plötzliche Abwesenheit des Geliebten ungedämpft widerhallen kann. Sie ist irrational, ortlos, bedeutet Kontrollverlust und trifft die Trauernden meist ohne Vorwarnung und Möglichkeit zur Abwehr.
Die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross versuchte mit ihrer Theorie der Trauerphasen das Irrationale in ein System zu zwingen, um das Monströse der Trauer so auf eine Weise zu systematisieren, die sie begreif- und beherrschbar macht. Die Zeit heilt alle Wunden, leitet der Volksmund aus dieser Logik ab. Und ja, es liegt ein Trost in dieser Entmündigung. Man ist der Verantwortung zur Selbstheilung zumindest unmittelbar enthoben, so scheint es: Die Linderung des Leids kostet allein den Preis des Abwartens. Doch was, wenn Zeit selbst die Wunde ist?
Unvorstellbare 43 Jahre lang waren die Schriftsteller:innen Siri Hustvedt und Paul Auster ein Paar, [1][bis jener 2024 an Lungenkrebs starb.] In ihrem nun erschienenen Memoir „Ghost Stories“ zeichnet Hustvedt ein intimes Bild dieser Beziehung und beschreibt die tiefe Wunde, die Austers Tod in ihr Leben gerissen hat. Als Schriftstellerpaar verkörperten Auster und Hustvedt wie kaum ein anderes einen vom Aussterben bedrohten Typus des Ostküsten-Intellektuellen: Für amerikanische Verhältnisse unerhört links und continental, idealistisch und im ewigen Widerstand zur Barbarei, die im Gewand eines glühenden Antiintellektualismus seit Langem zur polarisierten Kultur der Vereinigten Staaten gehört.
[2][Die New Yorker High-Society,] die die beiden spätestens seit dem Erfolg von Austers New-York-Trilogie für sich vereinnahmen wollte, erinnerte Siri eher an „Balzac-Romane mit ihren kriecherischen Aufsteigertypen, hochnäsigen Strippenziehern und nur wegen ihres Geldes geduldeten vulgären Idioten“. Vielleicht auch deswegen waren Auster und Hustvedt in Europa erfolgreicher als in den USA.
Die Grenzen zwischen den Werken verschwammen
Hustvedt zeichnet ihre Ehe als innige Lebens-, Liebes- und Arbeitspartnerschaft, geprägt von einer besonderen geistigen und körperlichen Nähe, in der die Grenzen zwischen den Werken der beiden zusehends verschwammen, Sujets und Themen vom anderen aufgenommen und weiterentwickelt wurden. Die Zersplitterung von Identitätskonzepten in der Postmoderne ist eines davon, der Umgang mit Kontingenz und der „Musik des Zufalls“ als einzig verlässliche Konstante des Lebens ein anderes.
Obwohl die publizistischen Auswüchse des Patriarchats Hustvedt stets auf die schöne Autorengattin reduzieren wollten, war nach beidseitigem Bekunden Hustvedt die eigentliche Intellektuelle, las poststrukturalistische Literaturtheorie mit derselben Neugier wie neurologische Fachliteratur. Anerkennung als Intellektueller erfuhr dennoch oft Auster: „Er hatte einen einzigen Essay von [3][Lacan] gelesen und nie ein Wort von Bachtin, und doch hatte ich zu hören bekommen und mehrmals gelesen, die beiden Denker nähmen eine bedeutende Stellung in der enormen Belesenheit meines Mannes ein.“
Wütend, aber ergänzt um eine weise Altersmilde, schildert sie diese Kämpfe um Anerkennung, die ihr Leben als Bruchlinien durchziehen. Siri Hustvedt als großgewachsene, scharfsinnige Woman-of-Letters verkörpert vieles, vor dem sich reaktionäre Männer fürchten. Am Ende sei jede Herabwürdigung auch Bestätigung der eigenen feministischen Politik gewesen, schreibt Hustvedt, die neben Prosa, Gedichten und kulturtheoretischen Schriften auch mit naturwissenschaftlichen Essays in Erscheinung trat.
Ganz und gar nicht altersmilde reagiert Hustvedt hingegen auf die MAGA-Bewegung und Trump, der hier selten mit Namen, sondern meist als „45“ oder „47“ bezeichnet wird. Hustvedt nimmt kein Blatt vor den Mund: „In meiner kurzen Rede bei der Gedenkfeier für Paul habe ich meinen Vater zitiert: Wenn der Faschismus nach Amerika kommt, werden sie ihn Amerikanismus nennen. Dann sagte ich: Er ist es [bereits], und sie nennen ihn so.“
Zutiefst aufrichtig
Auster und Hustvedt führten ein Leben zwischen den Seiten von Büchern. Auf 400 Seiten hat Hustvedt es nun kondensiert. Es ist ein berührendes, weil zutiefst aufrichtiges Buch, das keine Verstellung, keine Fassade kennt. Wenn sich wie bei Lewis Trauer wie Angst anfühlt, dann ist „Ghost Stories“ das Werk einer furchtlosen Schriftstellerin, denn statt sich der vermeintlichen heilenden Wirkung der Zeit auszuliefern, kratzt sich Hustvedt immer wieder den eigenen Wundschorf ab, stöbert durch Briefe, Zettel, Erinnerungen, liest Pauls Romane, seziert das Gefühl der Abwesenheit ihres geliebten Partners, nicht auf der Suche nach neuen Wahrheiten, sondern nach Trost. Schreiben als Rückgewinnung der Kontrolle, die einem die Trauer entrissen hat: „Schreiben ist Handeln. Satz für Satz“, notiert sie.
Hustvedt wollte kein Tagebuch des Abgrunds schreiben, sondern einen „posthumen Dialog“ und eine Liebesgeschichte. Es ist ein Dialog mit ihrem jüngeren Selbst, mit Paul natürlich, aber auch mit einer Welt, in der Paul fehlt, in der es im Angesicht der aktuellen Weltlage kein tröstendes Gespräch mehr gibt, keine Möglichkeit, die Niedertracht und geistige Kapitulation der trumpifizierten Gesellschaft am Frühstückstisch im Zwiegespräch zurückzuschlagen.
Wie [4][Joan Didion] in ihrem „Jahr des magischen Denkens“ ertappt sich auch Hustvedt bei allerlei magischen Gedanken, um im Angesicht von Trauer und Schmerz nicht den Verstand zu verlieren: Als Geist wolle er wiederkehren, erklärte der noch lebende Auster, und tatsächlich spürt Hustvedt Pauls Anwesenheit, riecht den Geruch seiner Zigarillos, hört den sonoren Klang seiner Stimme als Phantomschmerz durch das nun leere Haus in Brooklyn hallen.
Wo es den katholischen Lewis in seiner Verzweiflung noch zur Frage drängte: „Wo ist Gott?“, fragt sich Hustvedt immer wieder bloß: „Wo bist du? Ich ertappe mich dabei, diese Worte mit einem klagenden Seufzen laut zu sagen, wenn ich die Treppen im Haus hinauf- und hinuntergehe.“
„Ghost Stories“ ist ein tieftrauriges, aber nie deprimierendes Buch, ein literarisches Vergissmeinnicht voll aufrichtiger Liebe für und Sehnsucht nach einem Menschen und seinen Gedanken. Es ist tröstlich und ermutigend für Frauen, wie Siri den Kampf gegen die alten Mächte und den Sumpf männlichen Stumpfsinns nie aufzugeben. Es ist tröstlich und ermutigend für jeden, der trotz Trump, Merz und der allgemeinen Gedankenfeindlichkeit an die Möglichkeit eines intellektuellen Lebens zwischen Buchseiten glaubt. Siris und Pauls Lebens- und Liebesgeschichte zeigt, dass das gute Leben auch jetzt noch möglich ist, wenn man gründlich denkt, wenn man gierig liest, wenn man sorgfältig schreibt, wenn man die, die man liebt, nicht verrät.
13 Mar 2026
LINKS
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[2] /Siri-Hustvedts-Die-gleissende-Welt/!5209293
[3] /Lacans-Schriften-auf-deutsch/!5398184
[4] /Nachruf-auf-Joan-Didion/!5824281
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