taz.de -- Aufregung um Plakatmotiv: Mit dem Kaleidoskop aufs Oktoberfest

Das Gewinnerplakat für die Wiesn-Werbung hat für Aufregung gesorgt. War da etwa KI im Spiel? Der Fall zeigt ein grundlegendes Problem.

Bild: KI oder Nicht-KI, das ist hier die Frage: das offizielle Motiv zum Oktoberfest 2026

Es ist noch über ein halbes Jahr hin bis zum diesjährigen Oktoberfest in München, doch der erste Skandal ist schon da. Was ist passiert? Umstrittene neue Bewirtschaftung im Promizelt? Maßpreise dieses Jahr um die 18 Euro? Ein Wirt hat angekündigt, Schnitzel aus Laborfleisch anzubieten? Nein, nichts davon, also bislang jedenfalls noch nicht. Sondern: Expert:innen mutmaßten, dass das diesjährige Gewinnerplakat – ja, es gibt einen Wettbewerb für das Oktoberfest-Werbemotiv – mithilfe eines Bildgenerators mit künstlicher Intelligenz (KI) erzeugt wurde.

Für alle, die sich aus guten Gründen nicht mit den Details der Wiesn-Vorbereitungen auseinandersetzen: Das gekürte Motiv zeichnet sich durch viel aus, was es nicht ist. Es wirkt nicht, als hätte es schon vor einigen Jahrzehnten als Werbeplakat herumhängen können, wie manches andere im Wettbewerb. Es sieht nicht aus wie eine Zeichnung aus einem Kinderbuch und es ist deutlich weniger gefällig und glatt als der Rest.

Vielleicht am ehesten so: Wer nach 3 Maß noch 3 Runden auf dem Kettenkarussell dranhängt, dessen Gehirn könnte vielleicht etwas Ähnliches fabrizieren. Sehr bunt, sehr kaleidoskopig – und es macht sich bestimmt gut auf Bild-zentrierten Plattformen wie Instagram.

Aber KI – oder? Grafiker:innen jedenfalls sind Sturm gelaufen, der Künstler hat widersprochen, die Stadt eine Prüfung eingeleitet. Das Problem ist: Hundertprozentige Sicherheit, dass ein Motiv ohne KI-Generator erstellt wurde – das ist schwierig. Klar, man kann als Urheber:in die Zwischenprodukte des Schaffensprozesses veröffentlichen. Doch es ist nicht unmöglich, bei einem mit KI erstellten Motiv im Nachhinein plausible Zwischenschritte zu basteln.

Das Bild weist Merkmale auf, die typisch wären für diese Art von Bildgeneratoren. Etwa, dass das Riesenrad nicht rundherum mit Gondeln versehen ist. Genauso gut kann das aber Absicht sein, um dem flüchtigen, kaleidoskopartigen Eindruck gerecht zu werden. Die Stadt kam schließlich zu dem [1][Ergebnis]: keine KI, Ende der Diskussion, jetzt wird sich bitte gefreut über das schöne Bild.

Der Wunsch nach Menschlichem ist groß. Das ist verständlich: Auf Plattformen wie Instagram oder Tiktok ist ja oft genug unklar, ob eine Person es einfach mit den Filtern etwas übertrieben hat oder ein KI-generierter [2][Avatar] ist. Und wer weiß beim Nicht-Service-Chatbot eines Händlers oder einer Bank schon auf Anhieb, ob hier Mensch oder KI schreibt?

Leider kommt, was künstlerische Bilder angeht, bei der Unterscheidung zwischen menschgemacht und KI-gemacht die Realität dazwischen. Schließlich sind übliche Bildbearbeitungsprogramme voll von KI-Funktionen. Wo steckt also mehr Mensch drin: im klassisch erzeugten Bild, das mit KI bearbeitet wurde? Oder im Prompt-generierten Bild, das der:die Künstlerin nachträglich ohne KI weiterbearbeitet hat?

Wie wäre es also damit: Alle Wettbewerbsteilnehmer:innen bekommen einen Raum mit einem großen Tisch, Farben und Papier und einen Tag Zeit, ihre Kreativität unter Beweis zu stellen? Die Ergebnisse wären bestimmt außergewöhnlich.

5 Mar 2026

[1] https://ru.muenchen.de/2026/27/Oktoberfest-Plakat-Keine-Hinweise-auf-Einsatz-von-KI-Bildgenerator-122835

[2] /Albanisches-Regierungsmitglied/!6112487

AUTOREN

Svenja Bergt

TAGS

Kolumne Digitalozän

Digitalisierung

Schwerpunkt Künstliche Intelligenz

Oktoberfest

München

Kolumne Digitalozän

Schwerpunkt Künstliche Intelligenz

Social Bots

Reden wir darüber

Kolumne Digitalozän

ARTIKEL ZUM THEMA

KI-Schlamm im Netz: Wenn Jesus als Shrimp das Internet verstopft

Inhaltslose KI-Bilder und -Videos fluten das Internet. Kein Wunder: Der Matsch treibt die Ökonomisierungslogik der Plattformen auf die Spitze.

Performance mit KI: Die verlogenen Vertraulichkeiten der KI

Die Performance „Zuhause“ dekliniert in Hamburg ein scheinbar wohliges Zusammenleben mit KI durch. Ein Spiel mit gefährlich verfließenden Grenzen.

Bot-Treffpunkt Moltbook: Künstliche Intelligenz macht keine Impulskäufe

KI-Agenten sollen bald für uns einkaufen und Reisen planen. In der Interaktion zwischen Bots könnten neue soziale Normen entstehen. Ist das etwa gut?

Loewe Verlag ohne KI: KI hat keine Fantasie

Der Loewe Verlag kennzeichnet seine Kinderbücher mit dem Hinweis, diese seien ohne KI entstanden. Das ist richtig, aber keine generelle Absage an KI.

Größe von TV-Bildschirmen: Das schwarze Loch im Wohnzimmer

Fernseher werden immer größer und hochauflösender. Das schafft Probleme – nicht nur für die Wohnungseinrichtung.