taz.de -- Positiv bleiben im Negativen: Im Störmodus

Manchmal ist es richtig, sich wie eine kaputte Heizung zu verhalten. Denn was sich nicht sofort ändern lässt, kann wenigstens gestört werden.

Bild: Berlin, Kreuzberg am 8. März: „Es kommt nicht darauf an, wer du bist, sondern was du beschützt“

Meine Gastherme befindet sich im Störmodus. Immer wieder muss ich auf den roten Knopf drücken, dann läuft sie zwei, drei Stunden und geht wieder aus. Ich habe erstmal versucht, es zu ignorieren. Denn tagsüber bin ich bei der Arbeit und abends oft unterwegs.

Doch für eine kaputte Heizung ist es noch zu kalt. 14 Grad sind in Innenräumen keine Temperatur, bei der man sich wohlfühlen kann. Schnell leidet auch der Rest der Wohnung. Ich habe keine Lust, den Müll runter zu bringen oder abzuwaschen. Denn auch ich bin im Störmodus.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, dieses Jahr ruhig und strukturiert anzugehen. Stattdessen stürze ich mich in ein Projekt nach dem nächsten. Ich rauche wieder, und das nicht gerade selten, und versuche positiv zu bleiben, obwohl mir gerade oft nicht danach zumute ist. Klar, es gibt viele schöne Dinge in meinem Leben, aber dann kommen unvorhergesehene Konflikte und politische Gemengelagen hinzu, die mich jedes Mal durchschütteln.

Ich bin jetzt sogar schon dazu übergegangen, Selbstliebe-Podcasts zu hören. Neulich habe ich in einer Folge gehört, dass wir Menschen dazu neigen, unsere schlechten Erfahrungen mitzuschleppen. Die Podcasterin verglich das mit einem Haus, das wir über und über mit Zeug vollstopfen, bis es aus den Schränken quillt. Und was macht man dann? Ausmisten, wegwerfen, Platz schaffen. Doch das ist bei innerem Ballast gar nicht so leicht.

Irritation und Kritk

Mich beschäftigt zum Beispiel seit Tagen [1][eine Theaterkritik.] Darin bin ich sehr hart mit dem Regisseur umgegangen. Ich fand sein Stück frauenfeindlich, dabei hatte ich mich sehr auf den Abend gefreut. Ehrlicherweise fand ich den queeren Theatermacher, der auch Schauspieler ist, in seinen Rollen immer ganz fantastisch. Denn er gab seinen Figuren oft eine Dimension, die mit meinen Erfahrungen als Frau resonierte.

Mit seiner Inszenierung irritierte der Regisseur dann aber nicht nur mich, sondern auch viele andere Zuschauer*innen und die Autorin selbst, die den Saal empört verließ. Nach der Premiere gab er seinen Abschied aus dem Theaterbetrieb bekannt, weil dort angeblich eine „Diktatur der Dummen“ herrsche. Wo fühlte er sich nicht gesehen? Und warum hat er keinen Zugang zu dem Text gefunden?

Vielleicht hat mich das alles auch deshalb so bestürzt, weil er und sein Team sich nach meiner Interpretation über das autofiktionale Werk einer Frau lustig gemacht haben. Auch ich schreibe hier literarisch gestaltet über mein Leben. Und ja, wer über sich selbst schreibt, macht sich angreifbar. Aber angegriffen werden Frauen und queere Menschen in diesen Zeiten schon genug. Wieso dann auch noch aus den eigenen Reihen?

[2][Am 8. März stehe ich auf dem Berliner Oranienplatz.] Die Rednerin vom Gewerkschaftsbündnis macht darauf aufmerksam, dass auch rechte Blogger unterwegs sind. Kaum sind wir losgelaufen, hält ein Mann uns eine Kamera ins Gesicht. Meine Freundin M. hebt lässig den Arm und verdeckt die Linse mit ihrem schwarzen Hoodie. Ich feiere sie dafür. Nur, wenn ich ehrlich bin, fühlt es sich gerade wie auf dem Plakat vor mir an: „I can't believe we still have to protest this shit!“

Zumindest sind wir viele: 30.000 auf der Demo in Berlin, meine Kolleg*innen beim [3][FLINTA*-Streik], die Männer, die an unserer Seite sind. Denn: „Es kommt nicht darauf an, wer du bist, sondern was du beschützt“, brachte es eine Kolleg*in auf den Punkt. Ich jedenfalls bleibe weiter im Störmodus und bin nicht gewillt, unter diesen Umständen noch mal reibungslos zu funktionieren.

12 Mar 2026

[1] /Premiere-Boeses-Glueck-in-der-Volksbuehne/!6158805

[2] https://www.gew-berlin.de/aktuelles/detailseite/internationaler-frauenkampftag-2026

[3] /Flinta-Streik-in-der-taz/!6160995

AUTOREN

Anna Fastabend

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