taz.de -- Neues Album von Mitski: Ihr wird schon nichts passieren

US-Indieheldin Mitski veröffentlicht ihr neues Album „Nothing’s About to Happen to Me“. Die Songs berichten aus dem Inneren einer Menschenseele.

Bild: Kontrollfreak beim Scrollen: Mitski

„I just want my mind to be clear glass/Clear glass with nothing in my head“, so heißt es in „Where’s My Phone“, dem zweiten Song auf Mitskis neuem Album „Nothing’s About to Happen to Me“. Darin versetzt sich die 35-jĂ€hrige US-KĂŒnstlerin in eine Person, die gerne ein glĂ€sernes GedĂ€chtnis hĂ€tte: Und die Zeilen wirken wie die These, die Grundgedanken, die das achte Album der SĂ€ngerin leiten.

Musikalisch spiegelt Mitski diesen Wunsch mit dem Gegenteil: Chaos. [1][Der Takt treibt ohne Pause voran, die Harmonik kippt zwischen Dur und Moll und erzeugt dadurch Dissonanzen], eine permanente Unruhe. In der Bridge ĂŒberlagen sich die Stimmen, das Arrangement verdichtet sich noch mehr. Alles schreit, lĂ€rmt, drĂ€ngt – eine ReizĂŒberflutung wie aus dem verlorenen Telefon. Sie lĂ€sst den Wunsch nach einem leeren Kopf wie eine Erlösung wirken.

Aus allen elf Songtexten spricht ein Text-Ich, das befreit werden möchte, so scheint es, von Gedanken und GefĂŒhlen, von Meinungen und Geheimnissen. Am liebsten möchte Mitski in den Songs eine leere FlĂ€che sein, ein anonymer Gegenstand, nicht verformbar. Das wird schon beim Auftakt „In a Lake“ klar. Darin schildert Mitski Miyawaki, dass sie niemals in einer Kleinstadt leben könne, wo sie jede Straßenecke an Herzschmerz erinnert. Zu viele Fehler habe sie schon gemacht, zu bekleckert ist der Ruf, der niemals reingewaschen, niemals je vergessen werden kann.

Aus der Songpoesie von „Nothing's About to Happen to me“ schĂ€lt sich eine Person heraus, die eigen und verschlossen charakterisiert wird. Sie lebt zurĂŒckgezogen in einem verwahrlosten, mĂ€rchenhaften Haus. Frisch verlassen von der einzigen Person, die sie jemals richtig verstanden hat.

Ziemlich existentiell

Auf den elf, ziemlich existenziell anmutenden Songs nimmt Mitski die HörerInnen mit in ihre Gedankenwindungen, in ihre Eigenheiten und persönlichen Beobachtungen. ErzĂ€hlt von den Tieren, die sie umgeben: eine WaschbĂ€rfamilie, Wespen auf dem Dach, StechmĂŒcken, die ihr Blut trinken und eine weiße Katze, die sie im Garten beobachtet und die auch das Cover des Albums ziert, ein Auge blau, eins braun.

Dabei lassen sich Mitski selbst und die ErzĂ€hlerin keinesfalls gleichsetzen, auch wenn die in Japan geborene SĂ€ngerin inzwischen dafĂŒr bekannt ist, sich abseits ihrer Musik strikt von der Öffentlichkeit abzuschotten. [2][Profile auf sozialen Medien hat sie gelöscht], aus Selbstschutz vor allzu aufdringlichen Fans, die ihre Musik als Ventil fĂŒr ihren eigenen Schmerz nutzen und Mitskis PrivatsphĂ€re verwĂ€ssern zu einer amorphen, unspezifischen, Ă€sthetischen IdentitĂ€t.

Als Reaktion hat Mitski Grenzen aufgezogen. Die Trennung zwischen ihrer Musik und ihrer Person soll ihren Fans klarmachen, dass sie gar nicht wissen können, wer die KĂŒnstlerin Mitski ist.

Dabei lĂ€sst sie in den Texten viel zu. In „Dead Women“ denkt sie ĂŒber ihre eigene Geschichte nach und darĂŒber, wie sie weitererzĂ€hlt wird, wenn sie einmal stirbt: „Would you have liked me better if I’d died/So you could tell my story the way it ought to be?“. GĂ€be es sie irgendwann nicht mehr, wĂŒrde sie die so hart erkĂ€mpfte Kontrolle, die gesetzten Grenzen verlieren und zu einem neuen Wesen werden, gefĂŒllt von Projektionen anderer: „Saying, ‚She gave her life so we could have her in our dreams‘ / ‚She gave her life so we could fuck her as we please‘“.

In den Songs erkennt man Mitskis Sound sofort wieder. Er wirkt wie ein Puzzle aus Klangelementen, der aus ihren Ă€lteren Werken zusammengesetzt ist: Treibende Drums und verzerrte Gitarren in „Where’s My Phone?“ und „If I Leave“ erinnern an den Sound von „Bury Me At Makeout Creek“. Orchester-Arrangements wirken wie eine WeiterfĂŒhrung des letzten Albums „The Land Is Inhospitable and So Are We“.

Die Explosion folgt auf die Stille

Dabei spielt Mitski wie so oft mit Spannungen, sorgt im einen Moment fĂŒr schmerzhafte Stille und lĂ€sst im nĂ€chsten den Song regelreicht explodieren. So bleibt sie in der Schwebe zwischen Folk, Pop und Rock. Besonders sticht „I’ll Change For You“ heraus, ĂŒber einen betrunkenen Anruf, der, unterlegt mit leichten Flöten und Streichern, dezent an Bossa Nova erinnert. Wie zuvor hat Mitski mit dem Produzenten Patrick Hyland zusammengearbeitet.

So trostlos wie das Leben in dem großen Haus auch klingt – Mitski singt von Einsamkeit, von Herzschmerz und vom Tod – schwach oder bemitleidenswert wirkt die ErzĂ€hlerin nie. Sie scheint sich eher aktiv fĂŒr die Isolation zu entscheiden, um Kontrolle ĂŒber das Geschehen zu bewahren, sie selbst sein zu können. Vielmehr dreht sich der Blick im Verlauf des Albums: Nicht die ErzĂ€hlerin ist diejenige, die langsam immer mehr verwahrlost, sondern die sie umgebende Welt.

Sie scheint deshalb eher Recht damit zu tun, sich so weit von ihr fernzuhalten wie möglich. Und wer hat das nicht schon einmal ĂŒberlegt: bei all dem Weltschmerz sich einfach zurĂŒckziehen und nie wieder rauskommen?

19 Mar 2026

[1] /Konzert-von-Mitski-in-Berlin/!5963650

[2] /Neues-Album-von-US-Kuenstlerin-Mitski/!5834394

AUTOREN

Lilli Braun

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