taz.de -- Problemfall GenZ-Sprache: Ein bisschen Liebe oder so
Warum druckst meine Generation eventuell fast nur noch irgendwie in relativierenden FĂŒllworten herum?
Bild: KĂŒssen wir jetzt wirklich oder nur ein bisschen?
[1][taz FUTURZWEI] | âAlso, ich wĂŒrde sagen, ich bin schon fast irgendwie ein bisschen verliebtâ, sagt meine Freundin Sophie abschlieĂend, nachdem sie mir fast zwei Stunden ununterbrochen von ihrem neuen Lover erzĂ€hlt hat. Ich freue mich fĂŒr sie. SchlieĂlich scheint zwischen den beiden wirklich alles zu passen.
Aber etwas stört mich doch. Sophies Gesichtausdruck ist zu glĂŒcklich, sodass mir ihr Fazit fahl, geradezu bescheiden erscheint. Warum eigentlich nur âfastâ und âirgendwieâ und âein bisschenâ? Ist man nicht ganz oder gar nicht verliebt? Hat man bei fast-ein-bisschen-Verliebtheit nur die HĂ€lfte an Schmetterlinge im Bauch, die man sonst hĂ€tte? Wie bemisst man das?
Das alles will ich sie fragen, aber da redet sie schon weiter. Diesmal ĂŒber ihren Ex, der sie nĂ€mlich âein bisschen verletztâ habe damals und sie sich deswegen gerade nur schwer auf jemand neues einlassen könne, obwohl sie doch schon möchte. Und ich muss daran denken, wie die âein bisschen verletzteâ Sophie damals trĂ€nenĂŒberströmt bei mir angekommen war und mir das schon ein bisschen mehr vorkam als ein bisschen verletzt.
Der Typ war einfach ein Arschloch. Und nicht âhalt ein bisschen schwierigâ, wie Sophie das gerade beschreibt.
Warum regt mich das so auf?
Okay, beruhige dich, sage ich mir. Sophie erzĂ€hlt mir einfach nur ganz normal aus ihrem Leben, warum regt mich das innerlich so auf? Im Grunde verstehe ich ja genau, was sie mir mitteilen möchte, und dieses relativierende âein bisschenâ und so, das sie da immer wieder einschiebt, könnte mir deshalb ziemlich egal sein, oder?
Ist es mir aber nicht. Es stört mich. Ich will ihr entgegenschreien, dass sie jetzt doch klar sagen soll, ob sie nun verliebt ist oder nicht! Was dieses Herumgedruckse soll. Aber vor allem stört es mich, weil diese relativierende Art zu sprechen keine Marotte von ihr persönlich ist, sondern sie mir seit Neustem bei fast allen meinen Freund:innen auffÀllt.
Und bei fast jedem Podcast und jeder Radiosendung, die ich höre. Und â ganz schlimm â sogar bei mir selbst! Selbst wenn ich ganz und gar eine bestimmte Meinung vertrete oder ein GefĂŒhl wirklich fĂŒhle, ertappe ich mich dabei, wie ich es sage: âvielleicht irgendwie ein bisschenâ.
Was ist nur los?
Arsen ist ein paar Jahrzehnte Ă€lter als ich, und hĂ€tte er mir das nicht neulich im Streit an den Kopf geworfen, wĂ€re mir das Ganze nicht einmal aufgefallen. âSteh doch mal zu dem, was du denkst und fĂŒhlst!â, hatte er gesagt, als ich tatsĂ€chlich zu ihm meinte, dass mich sein Verhalten âeventuell ein bisschen gestörtâ hĂ€tte.
"Ihr könnt euch einfach nicht festlegen"
âHatâs dich jetzt gestört oder nicht?â, hatte er genervt geschrien. Um dann hinzuzufĂŒgen: âIhr seid doch alle gleich in deiner Generation, könnt euch einfach nicht festlegen.â Was dann zu einem neuen Streit gefĂŒhrt hatte, in dem ich versuchte, den Sprachgebrauch meiner ganzen Generation zu verteidigen, mir dann aber irgendwann irgendwie albern dabei vorkam und uns auffiel, dass wir immerhin den ursprĂŒnglichen Streitgrund vergessen hatten.
Die nĂ€chsten Wochen war es mir dann mehr und mehr aufgefallen, dass Arsen gar nicht so Unrecht hatte. Die Menschen um mich herum fanden plötzlich alles âein bisschen schwierigâ, aber immer auch âein bisschen spannendâ. Und ich fing an, mich zu fragen: Warum sprechen wir so? Warum spreche ich so?
Eigentlich war ich doch frĂŒher immer diejenige gewesen, der in Diskussionen vorgeworfen wurde, zu hart zu werten, zu schnell zu urteilen. Und tatsĂ€chlich hatte ich das auch genossen. Hatte davon getrĂ€umt, mal in einer Talkshow wie Nick Pallat aus Ablehnung mit einer Axt auf den Tisch einzuschlagen. Und fand es geil, mir anzuschauen, wie jemand wie Rainald Goetz, um zu provozieren, sich wĂ€hrend einer Lesung die Stirn mit einer Rasierklinge aufschnitt.
Aber dann hatte sich das âein bisschenâ und das âirgendwieâ in meinen Sprachgebrauch eingeschlichen, die Relativierung, der Konjunktiv. Sie wurden immer mehr und fĂŒhlten sich warm und cozy an. Lieber zu viel Provokation vermeiden, und damit auch Konflikte?
Anplaudern gegen Kritik
Der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp hat vor Kurzem das Buch "Irgendwie so total spannend" ĂŒber dieses SprachphĂ€nomen veröffentlicht. Er sagt, wir hĂ€tten tatsĂ€chlich Angst uns festzulegen (also eher meine Generation, wobei mir bei meiner wochenlangen Beobachtung aufgefallen ist, dass es langsam zur generationenĂŒbergreifenden Angelegenheit wird). Weil wir Angst vor Kritik haben.
Lieber reden wir in einem lockeren Plauderton, der ungezwungen wirkt, aber hauptsĂ€chlich zur Ungenauigkeit tendiert. Er spricht von âverbale Weichmachernâ, also unnötige FĂŒllwörter wie âirgendwieâ oder âsozusagenâ, deren Gebrauch â so seine Analyse - in den letzten zehn bis zwanzig Jahre stark zugenommen habe.
Denen gegenĂŒber stehen, sagt Kemp, aber auch hart urteilende Worte wie âabsolutâ, âtotalâ oder âdas geht gar nichtâ. Die sind dann fĂŒr die Aussagen, den alle aus der gemeinsamen Bubble zustimmen, ohne sie groĂ zu hinterfragen.
In einem Interview erzĂ€hlt er von einer Talkshowteilnehmerin, die von âKrieg oder soâ gesprochen habe. Und davon, dass die hĂ€ufigsten Einordnungen in Podcast- oder RadiogeprĂ€chen âschwierigâ oder âspannendâ seien, oft beides in einem Satz ohne weitere ErlĂ€uterungen. Seine ErklĂ€rung fĂŒr das Ganze ist unter anderem â surprise â die digitale Welt. Das Tippen, also das harte Urteilen, stehe dem Wischen, dem Ausweichen gegenĂŒber. Das Ergebnis: ein bisschen Verliebtheit.
Einfach mal nachfragen
Am Ende des Interviews erklÀrt Kemp dann noch, dass man ja nicht immer sofort losreden muss. Dass mal auch mal pausieren kann und kurz nachdenken, bevor man etwas sagt.
Ich schaue Sophie an, die gerade ein Schluck Kaffee nimmt, höre die Vögel ĂŒber uns zwitschern.
âAlso auf mich wirkst du richtig verliebtâ, sage ich dann ruhig.
Sie schaut mich irritiert an, es scheint sie echt MĂŒhe zu kosten, doch dann sagt sie es tatsĂ€chlich: âJa, bin ich. Voll und ganz.â
Manchmal hilft es eben einfach nachzufragen. Also, ein bisschen.
đŸ [2][âStimme meiner Generationâ] heiĂt die gemeinsame Online-Kolumne von Aron Books und Ruth Lang Fuentes. In loser Folge schreiben sie darin fĂŒr unser Magazin taz FUTURZWEI ĂŒber die LebensrealitĂ€t der Gen Z und darĂŒber hinaus.
đŸ Lesen Sie weiter: Die aktuelle Ausgabe unseres Magazins taz FUTURZWEI N°36 mit dem Titelthema "Die AfD interessiert uns nicht. â gibt es jetzt im [3][taz Shop].
27 Mar 2026
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