taz.de -- Wissenschaftler zum EU-Mercosur-Abkommen: „Die Kleinbauern auf beiden Seiten des Atlantiks verlieren“
Das Mercosur-Zollabkommen führt zu mehr Pestizideinsatz, sozialer Ungleichheit und Landgrabbing, sagt Ex-Sojabauer Antônio Andrioli.
taz: Herr Andrioli, das EU-Mercosur-Abkommen soll, trotz vieler Bedenken, am 1. Mai vorläufig in Kraft treten. Sie kritisieren das Abkommen seit Langem. Warum?
Antônio Andrioli: Das Abkommen schadet einer großen Mehrheit der Bevölkerung, vor allem in Südamerika. Auf der einen Seite haben wir eine sehr industrialisierte Gesellschaft – die EU –, auf der anderen Seite sehr landwirtschaftlich geprägte Regionen, die vier Länder des Mercosur. Dort wird mit dem Abkommen, also dem Abbau von Zöllen, die Fortführung eines Modells unterstützt, das auf einer neokolonialen und neoextraktivistischen Betrachtung der Natur basiert. Brasilien wird dadurch noch mehr Monokulturen bekommen.
taz: Wie läuft das konkret ab?
Andrioli: Der Import von Rohstoffen in die EU wird billiger, die Nachfrage steigt und damit der Druck auf die Produktion. Man braucht mehr Nutzfläche, mehr Düngemittel. Besonders schlimm ist dabei das Ethanol, das aus Zuckerrohr oder Mais gewonnen wird. Was Entwaldung und den Einsatz von Pestiziden angeht, ist die Zuckerrohrproduktion schlimmer als Soja. Sieben von zehn chemischen Substanzen, die für den Anbau eingesetzt werden, sind in der EU gar nicht zugelassen.
taz: Ist mehr wirtschaftliche Kooperation nicht legitim, gerade in so unsicheren Zeiten für Staaten, die keine Weltmächte sind?
Andrioli: Handel treiben kann man ja bereits jetzt. Das Abkommen ändert daran nichts. Auch nicht daran, dass die Mercosur-Länder mit China, den USA oder anderen Ländern handeln. Kleine, kostengünstige Maschinen für Kleinbauern und angesiedelte Landlose in Brasilien zum Beispiel, die kommen aus China. Warum macht die EU das nicht?
taz: Wer profitiert denn in Brasilien, dem größten Mercosur-Land, von dem Abkommen?
Andrioli: Die Großgrundbesitzer, die seit fünfhundert Jahren die Agrarprodukte nach Europa exportieren und größtenteils europäischer Abstammung sind. Viele haben das Land durch die Kolonialisierung geerbt oder betreiben Landgrabbing oder Dokumentenfälschung. Diese Unternehmer setzen weiter auf Landflucht, sie setzen Bauern unter Druck, damit die ihnen ihr Land billig verkaufen – wenn sie es sich nicht gleich selbst nehmen. Und dagegen vorzugehen ist fast unmöglich, denn die sitzen in Brasilien zu über 60 Prozent in den Parlamenten, in der Justiz, in den Medien.
taz: Und das Abkommen verschärft das Machtgefälle?
Andrioli: Ja, dadurch kommt es zu noch mehr Konzentration im Agrarsektor und in der Folge zu noch mehr Vertreibung. Menschen, die seit Jahrtausenden dort leben, wie die Indigenen, oder seit Jahrhunderten, wie die Quilombolas, die kleinbäuerliche Nahrungsmittelwirtschaft – all das geht zurück, damit noch mehr Exportprodukte wie Zucker, Fleisch oder Soja gefördert werden können. Von vornherein ist klar, dass die Großgrundbesitzer in Brasilien verdienen, aber die Kleinbauern – und zwar auf beiden Seiten des Atlantiks – werden ausgebeutet.
taz: Müssten nicht Gesetzgebung und Strafverfolgung in Brasilien dieser Ausbeutung Einhalt gebieten, anstatt das von einem Wirtschaftsabkommen zu erwarten?
Andrioli: Über 60 Prozent der Abgeordneten in Brasilien sind Großgrundbesitzer. Die Agrarlobby hat nach der Wahl von Präsident Lula einen Putschversuch finanziert. Teile dieser Gelder dafür kommen von großen multinationalen Agrarkonzernen. Da kann man nicht sagen, Deutschland hat damit nichts zu tun, wenn Lobbyisten deutscher Firmen starken Druck auf Brasiliens Parlamente und Entscheidungskommissionen ausüben. Aus dem EU-Parlament höre ich immer wieder das Argument: „Wir dürfen uns nicht in nationale Angelegenheiten einmischen.“ 500 Jahre lang hat man sich eingemischt und jetzt sagt man: Wir haben damit nichts zu tun?
taz: Welche Chancen könnte das Abkommen denn bieten?
Andrioli: Es wird überhaupt nicht diskutiert, aber ich würde mir erhoffen, dass die EU Produkte wie Bio-Reis von der Landlosenbewegung importieren würde. Oder Kaffee, ein so wichtiges Produkt für fair produzierende Bauern. Das sehe ich in dem Abkommen nicht. Da geht es nicht um Verantwortung, sondern nur um Waren.
27 Mar 2026
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