taz.de -- Proteste gegen Francesca Albanese: Wie in einem schlechten Film

Am Montag wird die UN-Sonderberichterstatterin fĂŒr PalĂ€stina, Francesca Albanese, in Berlin erwartet. Dagegen gibt es Proteste.

Bild: Unter Druck: Francesca Albanese am 24. MÀrz in Genf bei der Vorstellung ihres neuen Berichts zu Folter in Israels GefÀngnissen

Die FDP ruft zum Protest auf. „Keine BĂŒhne fĂŒr Antisemitismus im Babylon“, postete der Berliner Landesverband der Partei am Mittwoch auf seinem Instagram-Kanal, und die FDP-Politikerin und Aktivistin Karolin Preisler ruft dazu auf, sich am Montagabend vor dem geschichtstrĂ€chtigen Babylon-Kino in Berlins Mitte zu versammeln. Dort wird die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese erwartet. Gemeinsam mit dem französischen Regisseur Christophe Cotteret soll sie der VorfĂŒhrung der arte-Dokumentation „Disunited Nations – die UNO und der Nahe Osten“ beiwohnen und anschließend dem Publikum Frage und Antwort stehen. Laut Polizei sind insgesamt drei Protestkundgebungen vor dem Kino angekĂŒndigt.

Francesca Albanese ist fĂŒr manche ein rotes Tuch. Sie ist seit 2022 „UN-Sonderberichterstatterin fĂŒr die Menschenrechtslage in den seit 1967 besetzten palĂ€stinensischen Gebieten“, so ihr vollstĂ€ndiger Titel. In dieser Funktion legt die italienische Juristin regelmĂ€ĂŸig Berichte zu menschenrechtlichen Aspekten der israelischen Besatzung vor. Erst in der vergangenen Woche prĂ€sentierte die 48-JĂ€hrige einen [1][neuen Bericht, diesmal zur Lage der rund 10.000 palĂ€stinensischen Gefangenen in israelischer Haft]. Albanese beschuldigt Israels Regierung, seit dem 7. Oktober 2023 in großem Umfang systematisch Folter anzuwenden, und zitiert Beispiele fĂŒr extrem grausame Misshandlungen wie Aushungern, schwere sexuelle Gewalt und QuĂ€lereien mit Todesfolge. Ihr Bericht trĂ€gt den Titel „Folter und Völkermord“.

DarĂŒber hinaus hĂ€lt Albanese VortrĂ€ge, gibt Interviews und ist in den sozialen Medien aktiv. Mit einzelnen Tweets sorgte sie immer wieder fĂŒr Kontroversen. Nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober schrieb sie etwa, dessen Opfer seien nicht aus Antisemitismus getötet worden, sondern als Folge der israelischen UnterdrĂŒckung der PalĂ€stinenser. Nach einer Rede Netanjahus vor dem US-Kongress teilte sie auf der Plattform X einen Post, in dem man einen Vergleich mit Adolf Hitler sehen konnte.

Bisherige Besuche unter erschwerten Bedingungen

Schwerer wiegt aber wohl, dass die UNO-Sonderberichterstatterin der israelischen Armee vorwirft, in den besetzten palĂ€stinensischen Gebieten Kriegsverbrechen zu begehen, und schon sehr frĂŒh von einem [2][Völkermord in Gaza] sprach.

Als Albanese im Februar 2025 nach Deutschland kam, wurden mehrere [3][Auftritte von ihr nach politischem Druck kurzfristig abgesagt], darunter VortrĂ€ge an der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen und der Freien UniversitĂ€t Berlin. Albanese und ihre Gastgeber mussten in andere RĂ€umlichkeiten ausweichen, wo die Veranstaltungen unter erschwerten Bedingungen und unter massiver PolizeiprĂ€senz stattfanden.

Im Juli 2025 verhĂ€ngte die US-Regierung unter Donald Trump [4][harte Sanktionen gegen Francesca Albanese]: Dazu gehören eine Einreisesperre in die USA, der Entzug ihres Visums sowie das Einfrieren sĂ€mtlicher Vermögenswerte in den Vereinigten Staaten. Die Sanktionen betreffen direkt ihren Ehemann, Massimiliano Cali, und ihre minderjĂ€hrige Tochter. Sie können nicht mehr in die USA einreisen, kein Bankkonto eröffnen und dĂŒrfen ihr Haus in Washington, D.C., weder besuchen noch verkaufen. Albanese bezeichnete die Maßnahmen als EinschĂŒchterungsversuche im „Mafia-Stil“ und reichte Klage gegen die US-Regierung ein.

RĂŒcktrittsforderungen nach Fake-Video

Im Februar 2026 gab es wieder Wirbel um sie. Die proisraelische NGO „UN Watch“ setzte das GerĂŒcht in die Welt, Albanese habe bei einem vom Nachrichtensender Al Jazeera organisierten Online-Forum Israel als „gemeinsamen Feind der Menschheit“ bezeichnet, und verbreitete ein entsprechendes Video. Die Außenminister Frankreichs und Deutschlands forderten den RĂŒcktritt der UN-Sonderberichterstatterin von ihrem Posten, den diese ablehnte. SpĂ€ter stellte sich heraus, dass das Video mithilfe von KI manipuliert und die Aussage sinnentstellend verkĂŒrzt worden war.

TatsĂ€chlich hatte Albanese die LĂ€nder kritisiert, die Israel bewaffnen und es unterstĂŒtzen, und dass gewöhnliche BĂŒrger und BĂŒrgerinnen keine Kontrolle ĂŒber Finanzkapital, Algorithmen oder Waffen haben. In diesem Zusammenhang sprach sie von einem „gemeinsamen Feind“. SpĂ€ter stellte sie klar, dass sie damit „das System“ gemeint habe, das Kriege wie jenen in Gaza ermögliche. Frankreichs Außenminister Jean-NoĂ«l Barrot löschte daraufhin seinen Tweet, in dem er Albaneses RĂŒcktritt gefordert und sie beschuldigt hatte, „empörende und verwerfliche Bemerkungen“ gegen Israel „als Volk und als Nation“ gemacht zu haben.

Der deutsche Außenminister Wadephul hĂ€lt dagegen an seiner RĂŒcktrittsaufforderung fest und behauptet, diese habe nichts mit dem bearbeiteten Video zu tun. Im Zuge der AffĂ€re erhielt Albanese aber auch UnterstĂŒtzung. Mehr als 100 Prominente aus der Kulturwelt bekundeten ihre SolidaritĂ€t, darunter die britische SĂ€ngerin Annie Lennox und der US-Schauspieler Mark Ruffalo. Auch Amnesty International [5][verurteilte die Angriffe auf Albanese].

Im Vorfeld wurde eine Absage gefordert

Zur gleichen Zeit wurde bekannt, dass Albanese nach Berlin kommen sollte. Prompt forderten der israelische Botschafter Ron Prosor, der PrĂ€sident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, und diverse proisraelische Gruppen, die Veranstaltung abzusagen. Weil das Kino Babylon von der Berliner Senatsverwaltung fĂŒr Kultur finanziell gefördert wird, richtete sich diese Kritik auch an Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson. Diese sagte, der Auftritte von Albanese sei „nur schwer auszuhalten“, aber von der Kunstfreiheit gedeckt.

Der GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Kinos, Timothy Grossmann, verweist gegenĂŒber der taz auf Umfragen, wonach eine Mehrheit der Menschen in Deutschland Israels Vorgehen im Gazastreifen kritisch sieht und sich eine kritischere Haltung der Bundesregierung wĂŒnscht. Zu den VorwĂŒrfen gegen Albanese, den Protesten vor seinem Kino und der Forderung, dem Kino die Förderung zu entziehen, Ă€ußerte er sich nicht.

Eine FilmvorfĂŒhrung im Metropolis-Kino in Köln in Anwesenheit von Francesca Albanese am Samstagabend ging mit Protesten vor der TĂŒr, aber ohne ZwischenfĂ€lle ĂŒber die BĂŒhne. Eine weitere Veranstaltung ist am Sonntagabend in MĂŒnchen geplant.

29 Mar 2026

[1] https://www.un.org/unispal/document/torture-and-genocide-report-of-the-special-rapporteur-on-the-situation-of-human-rights-in-the-palestinian-territories-occupied-since-1967-advance-edited-version-a-hrc-61-71/

[2] /Krieg-im-Gazastreifen/!6101568

[3] /Vortrag-von-Francesca-Albanese-in-Berlin/!6067148

[4] /Nahostkonflikt/!6096283

[5] /Angriffe-auf-UN-Sonderberichterstatterin/!6154714

AUTOREN

Daniel Bax

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