taz.de -- Journalismus im Wandel: Führt die KI zum K.o. der Pressefreiheit?
Künstliche Intelligenz wird im Journalismus zum Hilfsmittel. Gleichzeitig erhöht sie den wirtschaftlichen Druck und verändert, wie wir die Realität wahrnehmen.
Künstliche Intelligenz ist für die einen der Heilsbringer, für die anderen die größte Katastrophe. Dabei wissen wir nicht konkret, worüber wir eigentlich reden. Denn wenn wir über KI sprechen, tun wir so, als wäre KI nur ein Ding. Doch es ist mehr als das. Der Begriff KI, die übrigens auch nicht wirklich intelligent ist, ist ein Sammelbegriff für viele unterschiedliche Systeme. Sprechen wir von KI, meinen wir etwa Chatbots wie ChatGPT. Aber KI sind auch Bildgeneratoren, Algorithmen, kognitive oder generell autonome Unterstützungssysteme, Robotiksysteme.
Wir sind überfordert mit dem, was KI ist, was sie kann und vor allem, wie schnell sie sich entwickelt. Die Arbeitsweise, auch die Geschwindigkeit, mit der KI arbeitet, und die Ergebnisse, die dabei entstehen, seien es Deepfakes oder Bilder, können uns auch überfahren. Und wir können zum Teil gar nicht richtig mit dem umgehen, was KI uns liefert.
Technisch ist KI in einzelnen Bereichen komplett verschieden. Es sind unterschiedliche Systeme, und wir selbst können nicht genau einschätzen, was KI alles ist. Deswegen verstehen wir KI oft nicht nur falsch, sondern systematisch falsch. Wir übertragen oft falsche Erwartungen auf KI, oder auf die falschen Systeme innerhalb von KI. Das, was wir sehen, ist nur das Ergebnis. Der KI-Prozess selbst, also das, was zur Verarbeitung passiert, bleibt uns verborgen. Das nennt man Blackbox-KI.
Der Blackbox-Effekt
Und diesen Blackbox-Effekt können selbst Expertinnen und Experten oft nicht im Detail erklären, weil er schlicht nicht einsehbar ist. Verstehe ich nicht, wie etwas funktioniert, verliere ich die Kontrolle. Daraus entsteht die Angst davor, wie KI arbeitet, warum sie so arbeitet, welche Ergebnisse sie liefert und was diese mit uns machen können. Und welche gesellschaftlichen Probleme unbemerkt entstehen können.
KI selbst kann im klassischen Sinn keine Zensur ausüben. Zensur geht im bisherigen Verständnis von Menschen oder Organisationen aus, die Systeme gestalten und steuern. Lange Zeit war sie vor allem ein Instrument von Staaten, doch heute wird sie auf parastaatlicher Ebene auch durch Plattformen, Konzerne oder andere Machtstrukturen umgesetzt. KI übernimmt dabei nicht die Entscheidung, sondern die Umsetzung. Und dabei geht es um schnelle, menschenlose Umsetzung. Sie filtert, gewichtet und sortiert Inhalte entlang von Vorgaben, die von Menschen definiert wurden.
Wenn ich auf Social Media etwas poste oder Inhalte veröffentliche, wird KI diese filtern. KI kann Inhalte nach Kriterien sortieren. Taucht ein bestimmter Begriff auf, bekommt ein Inhalt mehr oder weniger Reichweite. KI kann Inhalte verstärken, indem sie sie häufiger verbreitet und sie dadurch für andere Systeme als relevant erscheinen lässt. Und so können künstliche Intelligenzen in Form von Algorithmen die öffentliche Meinung beeinflussen. Wir wissen, dass Social Media und große Tech-Konzerne genau das tun.
Bestimmte Themen und Emotionen bekommen mehr Reichweite als andere. Vor allem aggressive Emotionen werden stärker verbreitet, weil Plattformen darauf ausgelegt sind, dass wir möglichst lange und intensiv mit ihnen interagieren. Moderate, sachliche und informationsbasierte Inhalte gehen dabei häufig unter. Das wird gezielt ausgenutzt.
Maschinell erzeugte Massenproduktion
Das ist keine klassische Zensur, wie sie ein Staat ausübt, aber eine Form stiller Steuerung. Und diese kann dazu führen, dass sich unser Bild von der Realität verschiebt, weil wir omnipräsent Krawall wahrnehmen. Das ist eines der zentralen Probleme: KI kann unser Verständnis von Öffentlichkeit verändern.
Doch was passiert, wenn KI im Journalismus ankommt? Ist KI ein Jobkiller oder eine Chance für bessere Qualität im Journalismus? Die große Angst ist, dass KI Texte schreibt und diese direkt veröffentlicht werden. Ja, das ist möglich. Standardisierte Inhalte können automatisiert erzeugt werden. Agenturmeldungen, Zusammenfassungen oder einfache Analysen lassen sich problemlos generieren.
Das erhöht den Druck auf Journalistinnen und Journalisten, die plötzlich in Konkurrenz zu maschinell erzeugter Massenproduktion stehen. Das kann dazu führen, dass Journalismus wirtschaftlich stärker unter Druck gerät und langfristig ausgehöhlt wird.
Doch genau hier liegt auch eine Chance. Denn KI kann vieles nicht: Nicht menschlich bewerten, nicht wirklich recherchieren, nicht mit Menschen sprechen, keine langfristig tiefgehenden Texte entwickeln. Sie kann nur punktuell Inhalte erzeugen. Vor allem kann sie keine Verantwortung übernehmen.
Verzerrte Wahrnehmung der Realität
Sie kann nicht reflektieren, was sie schreibt. Sie versteht keine gesellschaftlichen Konsequenzen. Sie kann nicht beraten, nicht einordnen und nicht bewerten. Genau das ist die Aufgabe des Journalismus. Denn Journalismus ist mehr als Textproduktion, bedeutet Einordnung, Kontext und Verantwortung. Genau dort muss Journalismus wieder stärker ansetzen.
KI kann als Werkzeug genutzt werden. Als Hilfsmittel beim Schreiben, als Korrekturinstanz. Aber sie darf nicht Aufgaben übernehmen, die sie ohnehin nicht leisten kann. Bewertung, Haltung, Einordnung, auch subjektive Formate wie Kolumnen oder Satire. All das bleibt menschlich. Und hier kann und muss der Journalismus punkten!
Die größte Gefahr ist nicht, dass KI uns ersetzt, sondern dass KI die Strukturen verändert, in denen wir Realität wahrnehmen. Durch Algorithmen, durch (gezielt?) falsche Gewichtung, durch eine beeinflusste Informationsökologie auf Social Media entsteht ein verzerrtes System, das unsere Wahrnehmung der Realität verformt. Wir bemerken diese Veränderung oft erst, wenn sie bereits voll wirksam ist.
30 Apr 2026
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Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
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