taz.de -- Ausfälle bei der Berliner S-Bahn: Erlebnisraum S-Bahn

Signalstörungen am Alexanderplatz sorgen für Ausfälle und Verspätungen auf fünf S-Bahn-Linien. In der Krise zeigt sich der Unterhaltungswert der Bahn.

Bild: In der Berliner S-Bahn ist es selten langweilig

Der erste Gedanke: Na, hoffentlich fährt der S-Bahn-Fahrer, der Montagmorgen gegen 9 Uhr zwischen Blankenburg und Friedrichstraße unterwegs war, heute auf einer der Linien S3, S5, S7, S75 oder S9.

Denn genau dort geht heute – sagen wir: nicht alles schief, aber vieles langsamer. Wegen Reparaturen an mehreren Signalen im Bereich Alexanderplatz kommt es am Dienstagmorgen auf gleich fünf Linien zu [1][Verspätungen und Ausfällen]. Die S3 pendelt nur zwischen Erkner und Warschauer Straße im 10-Minuten-Takt, der Express fällt aus.

Die S5 schafft es immerhin bis Ostbahnhof, ebenfalls ausgedünnt. Die S7 ist zweigeteilt unterwegs: Ahrensfelde bis Warschauer Straße, Charlottenburg bis Potsdam – dazwischen: Geduld. Die S75-Fahrgäste sollen bitte geschmeidig bleiben und auf S5 oder S7 umsteigen, und wer zwischen Ostbahnhof und Charlottenburg unterwegs ist, möge sich an S3, S5 oder S9 halten. Kurz: Berlin fährt, aber mit epischem Tempo.

Und warum soll da nun ein Fahrer unterwegs sein, der gestern auf der S2 eingesetzt war? Ganz einfach: Es hat hohen Unterhaltungswert.

Werte Fahrgäste, es passiert nichts

Montagfrüh also, Blankenburg, kurz nach neun. Die S-Bahn steht. Einfach so. Türen auf, Menschen raus, Stirnfalten rein. Dann die erste Durchsage, freundlich grundiert, leicht improvisiert: Man bleibe nun hier stehen, vermutlich wegen eines Polizeieinsatzes. Aber – und das müsse man auch mal sagen – man könne sich ja glücklich schätzen, überhaupt auf einem Bahnsteig zu stehen. Ein Optimist am Mikrofon.

Er schließe jetzt die Türen, erklärt er weiter, es sei schließlich [2][Ende März und immer noch „ziemlich frisch draußen“]. Aber keine Sorge: Türen könnten bei Bedarf jederzeit wieder geöffnet und – ebenso wichtig – auch wieder geschlossen werden. Nur bitte nicht wundern, „werte Fahrgäste“, wenn nach Signal und Türenschließen trotzdem nichts passiert. Da ist sie, die erste leise Ahnung: Diese Fahrt wird länger.

Es folgen Appelle an die Menschen, doch bitte von den Türen wegzutreten – man wolle schließlich Verspätung aufholen, sonst werde das „mit der Verkehrswende hier nie was“.

Dann wird es stiller. Oder genauer: wirrer. Ein Brabbeln aus dem Lautsprecher, das mehr fühlbar als verständlich ist. Gegenüber fragt eine Frau: „Was hat er denn?“ Antwort aus der Sitzreihe daneben, trocken wie ein BVG-Spruchband: „Auf jeden Fall nicht genug soziale Kontakte, wie’s scheint.“

Irgendwann glauben einige, einen letzten, fast poetischen Satz zu verstehen: „Wär ich doch an die Ostsee gefahren.“

Und während heute also wieder Züge ausfallen, Linien sich aufsplitten und Fahrgäste zwischen Warschauer Straße und Ostbahnhof taktisch denken müssen wie Schachspieler, bleibt vor allem eins: Die Berliner S-Bahn ist nicht nur ein Verkehrsmittel. Sie ist ein Erlebnisraum. Oft chaotisch. Manchmal absurd. Aber selten langweilig.

31 Mar 2026

[1] /Berliner-S-Bahn/!6107549

[2] /Fruehjarstrockenheit-in-Berlin/!6161092

AUTOREN

Susanne Messmer

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