taz.de -- Horrende Spritpreise in Hongkong: Wo Autofahren purer Luxus ist
Nirgendwo auf der Welt zahlen die Leute mehr für einen Liter Benzin als in Hongkong. Warum das den meisten Autofahrern dennoch egal sein dürfte.
Wer sich über Spritpreise jenseits der Zwei-Euro-Marke echauffiert, sollte vielleicht einmal nach Ostasien blicken: In der Finanzmetropole Hongkong kostet ein Liter Benzin an der Tankstelle derzeit umgerechnet über 3,50 Euro. Nirgendwo auf der Welt zahlen Fahrer mehr.
Tatsächlich sind asiatischen Volkswirtschaften ganz besonders von den Auswirkungen des – derzeit pausierten – Irankriegs betroffen. Denn Hongkong bezieht rund vier Fünftel seines Energiebedarfs über die Volksrepublik China, und die ist wiederum der mit Abstand größte Importeur von iranischem Rohöl.
Doch ist dies nur ein Teil der Wahrheit. Auch vor der [1][Eskalation des Konflikts in Nahost] befanden sich die Hongkonger Benzinpreise auf einem derart hohen Niveau, dass das Autofahren nur für Privilegierte möglich schien. Ein Blick auf die Statistik legt genau dies nahe: Laut Behördenangaben besitzen nur 8,4 Prozent der siebeneinhalb Millionen Einwohner der ehemals britischen Kronkolonie einen Pkw. Zum Vergleich: Auf deutschen Straßen sind rund 49 Millionen Fahrzeuge unterwegs, etwa 77 Prozent der Privathaushalte besitzen mindestens ein eigenes Auto.
Allerdings: Die Hongkonger Verhältnisse sind in vielerlei Hinsicht ziemlich speziell. Auch wenn die Finanzmetropole 1997 offiziell von den Briten an die Volksrepublik China zurückgegeben wurde, verfügt Hongkong nach wie vor über weitgehende Autonomierechte.
In Hongkong fahren die Autos links
Politisch mag die Sonderstellung zwar im Zuge eines 2020 eingeführten nationalen Sicherheitsgesetzes [2][eingestampft worden sein], doch im Verkehr ist sie nach wie vor vorhanden: In Hongkong gilt, wie in den meisten ehemals britischen Kolonien, Linksverkehr – im chinesischen Festland jedoch Rechtsverkehr. Die Genehmigung für Autos aus Hongkong, auch in der Volksrepublik fahren zu dürfen, ist ein kafkaesker bürokratischer Prozess.
Dementsprechend beschränken sich die meisten Fahrten auf eine Fläche, die nur unwesentlich größer ist als Berlin. Wobei Hongkong zudem aus mehreren Inseln besteht; die vielleicht schönste von allen – Lamma Island – ist vollständig autofrei.
Und im urbanen Raum ist die Finanzmetropole derart dicht besiedelt, dass für Autos als Massenphänomen gar kein Platz ist. Dementsprechend hat die Regierung aktiv die Hürden für einen Pkw-Kauf erhöht: Zulassungsgebühren sind teuer, Versicherungsbeiträge auch, und [3][Stellplätze kosten ebenfalls ein halbes Vermögen].
Wer dennoch auf vier Rädern unterwegs ist, tut dies meist nicht aus praktischen Gründen. Der bestens ausgebaute öffentliche Nahverkehr ist, insbesondere zur Rushhour, deutlich schneller. Autofahren ist ein teures Vergnügen, das weitgehend der extrem wohlhabenden Oberschicht zur Verfügung steht. Das sieht man auch den Karosserien an: An kaum einem anderen Ort der Welt fahren mehr Lamborghinis oder Ferraris in knalligen Farben.
Taxifahrer und Lieferkuriere unter Druck
Die meisten Hongkonger, die ein Auto besitzen, nehmen die Spritpreiserhöhungen durch den Irankrieg mit einem indifferenten Schulterzucken hin. Sie bezahlen ihre Tankfüllungen aus der Kaffeekasse.
Ausgenommen sind natürlich diejenigen, die arbeitsbedingt auf ihr Gefährt angewiesen sind – allen voran [4][Taxifahrer und Lieferkuriere]. Wer es einrichten kann, federt die horrenden Preise mit einem Grenztrip in die chinesische Stadt Shenzhen ab: Dort kostet der Sprit schließlich nur ein Drittel verglichen mit den Preisen in Hongkong.
9 Apr 2026
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[1] /Schwerpunkt-Iran-Krieg/!t5613610
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[4] /Doku-ueber-Lieferkuriere-aus-Suedasien/!6133821
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