taz.de -- Neues Förderprogramm: Schneider will Landwirt*innen zum Moorschutz bringen

Die Bundesregierung will Bäuer*innen beim Klimaschutz unterstützen. Sie sollen ihre trockengelegten Böden wieder zu Mooren machen – und diese beackern.

Bild: Abgestorbene Birken Betula pendula im Moor, ein Wiedervernässungsgebiet im Emsland, Niedersachsen

Moore haben einen schlechten Ruf: Dichterin Annette von Droste-Hülshoff fand sie schaurig, Emily Brontës zeichnet sie in ihrem Roman „Sturmhöhe“ als von sehnsüchtigen Geistern heimgesuchte Orte. In Hessen kursieren Gerüchte um ein Dorf, das als göttliche Strafe samt Bevölkerung vom Moor verschluckt wurde.

In Wahrheit ist es umgekehrt: Seit Jahrhunderten verschlucken Menschen das Moor. Oder besser gesagt: legen es trocken. Laut dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) sind 95 Prozent der deutschen Moore für die Land- und Forstwirtschaft entwässert worden. Und das mit schwerwiegenden Folgen für Klima und Umwelt. Ursprünglich bedeckten Moore mit [1][1,5 Millionen Hektar] rund 4 Prozent der deutschen Landschaft – das entspricht in etwa der Größe von Schleswig-Holstein. Heute sind davon nur noch zwei Prozent intakt.

Doch den Mooren soll jetzt eine „echte Trendwende“ bevorstehen: Das kündigte Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) am Freitagmorgen an. Er stellte ein neues Förderprogramm vor, das sich zum Ziel setzt, in den nächsten Jahren 90.000 Hektar landwirtschaftlich genutzter Moorfläche wieder zu verwässern. Starten soll das Projekt mit mehreren Leuchtturmprojekten auf einer Fläche von insgesamt 5.000 Hektar.

Das Programm ist das bislang größte Unterfangen des Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz, das Schneiders Vorgängerin Steffi Lemke (Grüne) in der Ampelregierung auf den Weg gebracht hatte. 1,75 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds werden dafür bereitgestellt.

Die Landwirtschaft kann auch Moore nutzen

Die Herausforderung: Trotz Wiederverwässerung sollen die Flächen landwirtschaftlich nutzbar bleiben. Das neue Förderprogramm will Landwirt*innen anregen, auf die sogenannte nasse Landwirtschaft oder Paludikultur (nach lat. Palus, Sumpf) umzusatteln. Ein entscheidender Anreiz dabei: Entwässerte Moorböden lassen sich auf Dauer nicht gut mit herkömmlichen Methoden bewirtschaften. Gerade durch den Klimawandel kann es in betroffenen Regionen unter anderem zu Wassermangel kommen.

Um Alternativen zu schaffen, hilft das Programm Landwirt*innen bei der Planung und Durchführung von Wiedervernässung. Wertverluste bei Grundeigentum und Nutzung können kompensiert werden. Vor allem ging es aber darum, Paludi auf lange Sicht zu einer wirtschaftlich tragbaren Alternative zu machen, die Erträge bringt, so Schneider.

Dazu unterstützt das Programm den Aufbau neuer Wertschöpfungsketten und Produkte, die aus der Paludikultur entstehen sollen. „Wir greifen jetzt etwas auf, das es traditionell gab“, sagte Franziska Tanneberger, Leiterin des Greifswalder Moor Centrums und Umweltpreisträgerin, der taz. Dass es in Deutschland lange erfolgreiche Nutzung von nassen Mooren gab, könne man beispielsweise an den traditionellen Reetdächern in Norddeutschland erkennen. Nicht nur Dächer lassen sich aus Paludiprodukten decken: Aus Gräsern und Moorpflanzen lassen sich Tierfutter, aber auch Dämm- oder Verpackungsmaterial herstellen. Feuchte Moorwiesen können als Weideflächen für Wasserbüffel genutzt werden.

Nasse Moore verringern Emissionen

Der Vorteil an nassen, gesunden Mooren geht weit über nachhaltige Landwirtschaft hinaus: Obwohl sie weltweit nur noch drei Prozent der Landfläche ausmachen, halten sie rund [2][30 Prozent] des an Land gebundenen Kohlenstoffs in Schach. Werden sie allerdings trockengelegt, entweichen die Treibhausgase.

Ganze 7 Prozent der gesamten deutschen Emissionen sind auf trockengelegte Moore zurückzuführen. Das sind etwa 50 Millionen Tonnen Treibhausgase jedes Jahr. Das Ministerium hofft, diese Emissionen durch das neue Programm massiv reduzieren zu können. Nathalie Niederdrenk, Referentin für Boden- und Moorschutz vom Bundesumweltministerium geht davon aus, dass durch die Wiederverwässerung je nach Wasserstand jährlich bis zu 25 Tonnen Treibhausgase pro Hektar eingespart werden könnten.

„Durch die Vernässung kann man die Emissionen sehr schnell reduzieren. Die CO₂-Emissionen gehen ganz zurück, wenn ein Moorboden wassergesättigt ist“, so Franziska Tanneberger. Im besten Fall stellen wieder zum Leben erweckte Moore sogar natürliche Kohlenstoffsenken dar, die noch Treibhausgas aus der Atmosphäre aufnehmen.

Die Expertin weist außerdem darauf hin, dass die Bewirtschaftung von nassen Mooren unter den richtigen Bedingungen auch weitere positive Auswirkungen haben kann. Regelmäßiges Mähen könne zum Beispiel durch den erhöhten Lichteinfall auch eine größere Biodiversität zur Folge haben.

Wie kann so eine flächendeckende Wiedervernässung überhaupt logistisch vorgenommen werden? „Bei der Wiedervernässung wird im Grunde die aktive Entwässerung beendet“, erklärt Tanneberger. Die Moore lägen dort, wo es Wasserüberschuss gibt, zum Beispiel an den Küsten, in Flusstälern oder Hanglagen. „Entwässern ist ein dauerhafter Energieaufwand. Wiedervernässen nicht.“

Paludi-Bauer: Förderprogramm ist „gutes Zugpferd“

Laut Schneider ist das Förderprogramm ein Ergebnis von einem offenen Dialog mit allen Beteiligten. Er habe sehr viel Zeit und Kraft investiert, um alle Beteiligten, darunter auch den Deutschen Bauernverband (DBV) und das Landwirtschaftsministerium für das Programm zu gewinnen. Bei der Vorstellung des Programms vor Pressevertreter*innen bestellte er dem Raum „schöne Grüße“ von Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU).

„Eine Wiedervernässung von Mooren kann nur dann erfolgreich sein, wenn dies freiwillig und im Einvernehmen mit den Landwirten und Grundeigentümern erfolgt und die Betriebe über den anvisierten Förderzeitraum bis 2030 hinaus wirtschaftliche Perspektiven mit marktbasierten Ansätzen für die dauerhafte Nutzung der Flächen erhalten“, kommentierte Stefanie Sabet, Generalsekretärin vom Deutschen Bauernverband das neue Förderprogramm auf Nachfrage der taz.

Die Freiwilligkeit ist mit dem neuen Förderprogramm gegeben. Wie wirtschaftlich rentabel die Paludikultur tatsächlich sein kann, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Landwirt Sebastian Petri vom Moorhofer Grünlandhof in Brandenburg zeigte sich auf der Pressekonferenz dem Förderprogramm gegenüber positiv gestimmt. Sein Betrieb setzt seit Jahren auf Paludikultur, und zwar mit Erfolg. Das Programm gebe Landwirt*innen wichtige Anreize und Sicherheit. Es sei „ein gutes Zugpferd“, um die Transformation in der Landwirtschaft und den Moorschutz voranzutreiben.

17 Apr 2026

[1] https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/moore/deutschland/index.html

[2] https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/moore/weltweit/index.html#:~:text=Moore%20z%C3%A4hlen%20zu%20den%20wichtigsten,viel%20wie%20alle%20W%C3%A4lder%20weltweit.

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Evke Bakker

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