taz.de -- Rauchverbot in Großbritannien: Gift oder Glamour?
Zigaretten kaufen verboten: In Großbritannien will ein neues Gesetz die junge Generation rauchfrei machen. Steht die Kippe am Kipppunkt?
Bild: Audrey Hepburn mit Zigarette in der 1950er Jahren
Hast du mal Feuer? Eine ganze Generation wird das in Großbritannien zukünftig nur noch hinter vorgehaltener Hand fragen. Wer früher Zigarettenschachteln unter dem Bett versteckt hat, kennt die Strategien der Verbotsumgehung. Im Vereinigten Königreich werden sie fortan auf die Probe gestellt: Ein neues Gesetz verbietet die Beschaffung jeglicher Tabakprodukte für alle, die ab 2009 geboren sind – ein Leben lang.
Eine weise Entscheidung, auch wenn der Vorwurf der Altersdiskriminierung mit im Raum steht. So schielt man auf das Verbot mit gemischten Gefühlen, wie zu Beginn des Jahres auf den Teil des Freundeskreises, der den „Dry January“ nüchtern durchzieht und der Rest daraufhin erst recht eine Flasche Sekt aufmacht. Während die [1][Gen Z allerdings ohnehin weniger trinkt,] sind Zigaretten zumindest in Deutschland bei jungen Menschen en vogue – trotz massiver Schäden für Gesundheit und Umwelt. Brauchen wir also auch ein Verbot gegen das umstrittene wie schillernde Ritual, mal eben eine zu rauchen?
Das Rauchen ist so alt wie die Menschheit selbst. Was als zeremonielle Praxis an den Lagerfeuern der Jäger und Sammler begann, eignete sich die europäische Kulturelite im 16. Jahrhundert als Statussymbol an: Zwischen den Zähnen adliger Herren qualmten hölzerne Pfeifen. So wie das Rauchen dem wohlhabenden Teil der Bevölkerung vorbehalten war, galt es lange auch als Domäne des Männlichen.
Noch weit ins 20. Jahrhundert hinein assoziierte man rauchende Männer mit Intellekt und Autorität, erinnert sei hier an Helmut Schmidt, der Zigaretten gewissermaßen zu seinem Markenzeichen machte. Gleichzeitig galten Frauen, die rauchten, als geheimnisvoll und lasziv. Die Zigarette gehörte bei Filmikonen wie Audrey Hepburn oder Marlene Dietrich zur Pose: Je länger und dünner sie war, desto erotischer mutete sie an.
Geist der Emanzipation
Einst despektierlich zum „Nuttenstängel“ abgewertet, blitzen die silberblauen und lilafarbenen Packungen mit Slimzigaretten im Berlin der Gegenwart zunehmend aus den Handtaschen junger Frauen. Als Hommage an die Eleganz und Verwegenheit rauchender Vorgängerinnen und als Aneignung des männlichen Blicks. Denn gerade in der Jugendkultur umweht die Zigarette neben Giftstoffen eben noch immer der Geist der Emanzipation.
In einer Zeit, in der beige gekleidete „Clean Girls“ auf Social Media erklären, wie sie vor sieben Uhr morgens ihren Matcha anrühren, fühlt es sich vielleicht gerade heute wieder provokant an, eine Zigarette anzuzünden. Objektiv betrachtet ist das natürlich schlecht, und ein Gesetz wie in Großbritannien ist eine konsequente Maßnahme. Wäre da nicht der immerwährende Reiz des Verbotenen.
24 Apr 2026
LINKS
AUTOREN
TAGS
ARTIKEL ZUM THEMA
Neuer Roman von Christoph Peters: Bildnis des Künstlers als Alkoholiker
„Entzug“ von Christoph Peters: Nicht nur von der Flasche muss sich der Ich-Erzähler entziehen, auch von überholten Vorstellungen vom Schriftstellerdasein.
Mit dem Rauchen aufhören: Diese Lust daran, mich schleichend zu vergiften
Als Kind hat unsere Autorin Zigaretten zerbrochen, mit 15 angefangen, sie zu lieben. Und jetzt? Macht sie per Brief Schluss.
Spielfilm „The Day She Returns“: Sie hätte jetzt wirklich gern ein Bier
„The Day She Returns“ von Hong Sang-soo zeigt ein Interview in mehreren Variationen. Mit einfachen Mitteln entsteht etwas Komplexes.