taz.de -- Putinismus im Film „Der Magier im Kreml“: Eine postmoderne Diktatur
Der Spielfilm „Der Magier im Kreml“ inszeniert das Russland des Putinismus als Ort, an dem man seine Wut ausleben kann. Macht funktioniert über Chaos.
Dies ist keine Filmkritik. Auch wenn es hier um einen Film geht. Es ist vielmehr der Versuch, sich der spezifischen Form von Putins Herrschaft auf diesem Wege anzunähern. Denn genau das verspricht [1][„Der Magier im Kreml“].
Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Giuliano da Empoli will der fiktive Film Einblick in das reale Betriebssystem des russischen Autoritarismus geben. Eine Realfiktion. Eine fiktive Dokumentation.
Er zeichnet die Zeit nach dem Untergang der Sowjetunion nach, als US-Berater Russland eine neoliberale Schocktherapie verpasst hatten – was in den 1990er Jahren in eine Gesellschaft ohne Gesetz mündete. In jeder Hinsicht – ökonomisch, gesellschaftlich, sexuell. Ein blanker Raubtierkapitalismus. Es war die Zeit der Oligarchen. All das ist ja bekannt. Aus diesem Nährboden aber ging der Putinismus hervor – als autoritäre Wende, die sich von dieser Dekadenz ebenso nährte, wie sie sie beherrschen wollte.
Dieses neue Gegenmodell macht der Roman/Film nicht an Putin fest, sondern an einer fiktiven Figur – eben dem titelgebenden „Magier“.
Dieser ist dem realen Berater Wladislaw Surkow nachgebildet. Wie jener steigt er vom Produzenten von Reality-TV-Shows zur grauen Eminenz Putins auf.
Die Realität nach dem Modell einer TV-Show gestalten
Dieser Werdegang ist, so die zentrale Behauptung des Films, alles andere als zufällig. Denn genau darin soll das Geheimnis des Putinismus liegen: eine Macht, die die Realität nach dem Modell einer TV-Show gestalten will. Eine postmoderne Diktatur sozusagen.
Dazu brauchte es eben, so da Empoli, einen „Magier“, der die Russen mit seiner Inszenierung der Realität hypnotisierte.
Es ist dies eine allzu simple Vorstellung, wie politische Macht funktioniert. Die Wiederbelebung der alten Mär vom Priesterbetrug. Als gäbe es einen Strippenzieher, der im Hintergrund die Fäden zieht, an denen das Publikum wie Marionetten hängt. Als sei die Manipulation der Massen ein einfacher Betrug.
Wilhelm Reich hat schon in den 1930er Jahren solch eine These zurückgewiesen: Die Massen seien nicht getäuscht worden, sie haben den Faschismus vielmehr gewünscht. Autoritäre Macht ist nicht einfach eine Inszenierung. Sie muss an einen Wunsch gekoppelt sein.
Den Volkszorn schüren
Jenseits solcher Mystifizierung zeigt da Empoli aber dennoch etwas Entscheidendes für Putins Reich. Das wird an einer zentralen Szene deutlich.
Als die Orange Revolution in der Ukraine ausbricht, herrschte im Kreml Angst vor einer möglichen Ansteckung, vor einer Ausbreitung des Aufbegehrens. Die Gegenstrategie, die er – im Film ist es der „Magier“ – dabei entwickelt, ist vielleicht der Kern dieser Herrschaft: Sie besteht darin, den Volkszorn nicht zu unterdrücken, sondern vielmehr zu schüren, ihn anzustacheln. Ob die Biker der „Nachtwölfe“, ob religiöse Eiferer, ob neue Kommunisten – die Wut all dieser einzelnen Gruppen, Sekten, Bewegungen wird nicht unterbunden, sondern vielmehr genährt und befördert.
Russland als Ort, wo man seine Wut ausleben kann, lautet die perfide Parole. In vereinzelten Gruppen. Manche stehen einander feindlich gegenüber. Manche gleichgültig. Wesentlich aber ist, dass sie getrennt bleiben. Denn so schalten sie sich gewissermaßen gegenseitig aus, heben sich in ihrer Wirkung auf. (Für wirkliche Gegner hörte sich dieses Spiel schnell auf.) Das widerlegt alle Vorstellungen von der [2][Kraft der Multitude], der Vielheit.
Das Ziel lautete: Chaos stiften, um die Verbindung all der Wütenden zu einem gemeinsamen politischen Willen zu verhindern. Putins Macht funktioniert nicht darüber, Ordnung herzustellen, sondern Chaos! Ein Chaos, das bei ihm mündet, über das er herrscht.
Im Unterschied zum alten Autoritarismus, der keine Position neben sich duldete, besetzt der Putinismus alle Positionen, spielt alle Rollen, führt alle Diskurse, bedient sich aller Zeichen. Statt die Opposition zu unterdrücken, eignet er sich vielmehr alle Ideologien und Bewegungen an, so der Russlandexperte Peter Pomerantsev. Er ist Macht und Opposition in einem.
Das aber heißt: Es gibt keine wirklichen Gegenkräfte. Ein beklemmendes Fazit.
29 Apr 2026
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