taz.de -- Seltene Studiengänge in Gefahr: Orchideen sterben leise

Um Sparvorgaben umzusetzen, sehen sich Berliner Hochschulen zu Einschnitten gezwungen. Dabei könnten seltene Studiengänge über die Klinge springen.

Bild: Archäologin Anna Schimmitat am Molkenmarkt bei der Arbeit. Derweil kämpft das Archäologie-Institut der HU ums Überleben

„Hier gibt es nichts zu sehen: Wir schließen“, steht auf dem Plakat einer Skulptur aus einem antiken Zeus-Tempel. Aus Protest haben die Archäologiestudierenden der Humboldt-Universität die antiken Statuen und Wandfresken ihres Instituts mit Plastikplanen und Klebeband umzugsbereit verpackt. Beim nächsten Treffen mit der Uni-Präsidentin am 4. Mai wollen sie zudem schwarz gekleidet erscheinen. Denn sie trauern um ihr Institut.

Im Februar erfuhren die Studierenden, dass das traditionsreiche Winckelmann-Institut für klassische Archäologie und die Lehrgänge für nordostafrikanische Archäologie [1][wegen gekürzter Gelder] bis Mitte der 2030er Jahre geschlossen werden sollen. Dabei ist das Archäologie-Institut mit seinen Fokusgebieten und Masterstudiengängen in den Augen der Studierenden einzigartig im Osten Deutschlands. „Wenn wir schließen, kann man eigentlich überall anders besser Archäologie studieren“, sagt Lloyd, Student der Klassischen Archäologie.

Das Archäologie-Institut der HU ist nicht das einzige Studienangebot in Berlin, das um ihr Überleben kämpft. Um die [2][im jüngsten Hochschulvertrag] vorgesehenen Kürzungen umzusetzen, streichen mehrere Berliner Hochschulen Studiengänge und -plätze. Besonders bedroht sind die sogenannten Orchideenfächer – kleine Fächer, die bundesweit nur über wenige Lehrstühle und Standorte verfügen.

Die HU muss allein im akademischen Bereich strukturelle Einsparungen in Höhe von 8 Millionen Euro erbringen.* 1,5 Millionen Euro davon sollen an der Fakultät für Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaften entfallen, rund 900.000 Euro könnten durch die Schließung des Archäologie-Instituts eingespart werden, habe das Präsidium den Studierenden erklärt. „Wir sind das kleinste Institut an der Fakultät und sollen zwei Drittel der Summe aufbringen? Das darf doch nicht wahr sein!“, sagt eine Studentin aus der Fachschaft für Klassische Archäologie.

Es handele sich lediglich um eine „Neuaufstellung“, ließ die Universitätsleitung verlauten. Bei den Einsparvorschlägen habe die HU die Lehrkräftebildung gesichert und die Fächervielfalt in Berlin berücksichtigt. Einen Archäologiestudiengang gibt es ebenfalls an der Freien Universität (FU), das soll auch so bleiben. An der HU sei ein neues Institut für „Altertumswissenschaften“ in Planung, in dem zwei Professuren für Archäologie erhalten bleiben könnten. Nach einem medialen Aufschrei und einer breit unterzeichneten [3][Petition gegen die Schließung] hat sich im März eine Arbeitsgruppe aus Archäologie-Studierenden sowie Professor*innen anderer Fakultäten gebildet. Bis Juli sollen sie Gegenvorschläge zur Schließung erarbeiten. Über die „Neuaufstellung“ soll im Herbst 2026 abgestimmt werden.

Massiver Schaden für die Kulturszene

Den Masterstudiengang „Sound Studies and Sonic Arts“ an der Universität der Künste (UdK) konnte weder [4][eine Petition] mit mehr als 5.000 Unterschriften noch die Unterstützung zahlreicher Akteure aus der Szene retten. Im Januar 2026 wurde bekannt, dass die Masterstudiengänge Sound Studies, Musiktherapie und Leadership in digitaler Innovation am Zentralinstitut für Weiterbildung und Transfer (ZIWT) ab dem Wintersemester 2026/2027 nach dem Abschluss der derzeitigen Studierenden im Jahr 2032 auslaufen sollen.

Grund dafür sei laut Universitätsleitung die Novellierung des Berliner Hochschulgesetzes von 2021, die eine stärkere Integration der Studiengänge in Fakultäten verlangt. Die Studiengänge an interdisziplinären Einrichtungen wie dem ZIWT würden darin [5][eine nicht vorgesehene Abweichungen darstellen.] Aufgrund von Sparmaßnahmen sei hingegen das kleine und seltene Masterstudium für Lied und Oratorium an der Fakultät für darstellende Kunst eingestellt worden.

Georg Klein, Leiter des Studiengangs „Sound Studies“, sieht dahinter vielmehr den Spardruck des Senats. Der Professor für Klangkünste bedauert den „massiven Schaden“, den die Politik damit der „gesamten Kunst- und Kulturszene Berlins“ zufüge. Auch die Professorin für Musiktherapie, Susanne Brauer, hätte sich von der Universitätsleitung „rechtzeitig“ Gespräche „am runden Tisch“ gewünscht, wie sie sagt.

Zu den Experten, die sich lange Zeit für den Erhalt der kleinen Fächer eingesetzt haben, zählt der Präsident der UdK, Professor Markus Hilgert. In Berlin sei es aktuell „enorm schwierig, dass die Hochschulen in sehr kurzer Zeit vergleichsweise viel Geld einsparen müssen“, erklärt der Assyriologe der taz. Auch für die UdK lasse die Situation wenig Spielraum, um zu überlegen, welche Fächer in Hinblick auf ihre gesellschaftliche Relevanz oder ihre Vertretung auf Landesebene geschützt werden müssten. An der UdK werde jedoch alles getan, um die Wissensinhalte der Studiengänge zu erhalten und ihnen eine neue Form innerhalb der Universität zu geben, versichert Hilgert.

„Die Frage, ob man wirklich Geld spart, wenn man da kürzt, wo es die wenigsten Leute und den geringsten Widerstand gibt, ist eine ganz andere“, sagt Georg Sommerer, Professor für Lasertechnik an der Berliner Hochschule für Technik (BHT), der taz. Ende Januar wurde an der BHT die Streichung des Studiengangs Laser Science and Photonics beschlossen. Dabei war der Bachelor erst vor drei Jahren „preiswert“, also mit Unterstützung zahlreicher Industrie- und Forschungspartner, auf die Beine gestellt worden, erklärt der Vorstandsvorsitzende des Laserverbunds Berlin-Brandenburg. „In Berlin wird planlos gespart“, sagt Sommerer.

Nervig bleiben und hinterfragen

Es gibt aber auch ein Bespiel für erfolgreichen Widerstand, und zwar an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Nach vier Monaten Mobilisierung konnten Mitte April die Studierenden der Konservierung, Restaurierung und Grabungstechnik beweisen, dass die geplante Streichung ihrer Studiengänge keine konkrete Lösung für die Sparmaßnahmen wäre. Geschafft habe man das mit „Durchhalten, ein bisschen nervig gegenüber der Unileitung bleiben und hinterfragen“, sagt HTW-Student Benjamin Mikuteit. Nun wird überlegt, wie die Studiengänge kostengünstiger werden können.

Mit den Archäologiestudierenden der HU wollen sich die HTW-Studierende bald treffen, um sich darüber auszutauschen, wie es ihnen gelungen ist, ihren Studiengang zu retten.

*In einer früheren Version hieß es: „Die HU muss laut Hochschulvertrag in den zwei nächsten Jahren 8 Millionen Euro einsparen.“ Diese Information war nicht ganz korrekt, wir bitten dies zu entschuldigen, und wurde entsprechend geändert.

3 May 2026

[1] https://www.hu-berlin.de/nachrichten/detail/einsparvorgaben-erzwingen-neuaufstellung-der-archaeologie

[2] /Marode-Hochschulen-in-Berlin/!6156774

[3] https://weact.campact.de/petitions/schliessung-des-instituts-fur-archaologie-an-der-hu-berlin

[4] https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSdSIO3D6-EMCi0Wc1c2EbvVFnRQqq7KYIXzngm7qEG4jIcdrA/viewform?pli=1

[5] https://www.tagesspiegel.de/wissen/universitat-der-kunste-streicht-die-sound-studies-ende-der-berliner-talentschmiede-fur-experimentelle-musik-15184455.html

AUTOREN

Gabrielle Meton

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