taz.de -- Ehemals besetzes Haus in Bremen: Eigentümer nicht gesprächsbereit

Eine Initiative will das ehemals besetzte Haus in der Kornstraße in Bremen kollektiv nutzen. Nun möchte der Eigentümer verkaufen – aber nicht an sie.

Bild: Flugs geräumt: Polizeiautos vor der besetzten Kornstraße

Die Stadt Bremen hat dem Eigentümer des ehemals besetzten Hauses in der Kornstraße 155 mehr als sechs Monate Zeit gegeben, um zu sanieren oder zu verkaufen. Kurz vor Ende der Frist lässt der nun mitteilen, dass er es veräußern will – aber nicht an die Initiative, die seit Monaten dafür kämpft.

Das Haus, um das es geht, hat etwa 600 Quadratmeter Nutzfläche. Es liegt mitten in der Bremer Neustadt. Wenn man genau hinsieht, kann man noch Überbleibsel sehen: zusammengerollte Transparente auf dem Dach, ein Stück glitzernde Folie hinter den dreckigen Fensterscheiben. Sie sind der Beweis, dass das Haus in der Kornstraße besetzt wurde.

Über viele Jahre ist hier bis auf kurzzeitige Zwischennutzungen wenig passiert – bis sich im Oktober 2025 Aktivist*innen Zugang zum Haus verschafften, die Fenster öffneten und ein Transparent aufhängten: [1][„Leerstand gestalten“ stand da drauf und so hieß auch die Gruppe, die über zwei Wochen das Haus besetzte].

Vor dem Haus gab es täglich Essen und Programm: Tango- oder Selbstverteidigungskurse, Kürbisschnitzen, Kinderschminken. [2][Dann, nach zwei Wochen, wurde geräumt], der Eigentümer zeigte die Besetzer*innen an. Auf der Demo nach der Räumung traten Ton Steine Scherben auf.

Theoretisch ist Leerstand verboten

Aber weil der Traum eben noch nicht aus war, gründete sich die Initiative Korner gestalten. Das Ziel: das Haus in der Kornstraße kaufen, es langfristig dem Wohnungsmarkt entziehen und gemeinschaftlich nutzen. Selbstverwalteter, günstiger Wohnraum für 12 bis 16 Menschen sollte hier entstehen, aber auch ein Nachbarschaftscafé mit einer Spielecke, eine Selbsthilfewerkstatt, Veranstaltungsräume.

[3][Das Ganze wollte die Initiative über Direktkredite finanzieren – ein Haus von allen für alle eben.] Ursprünglich boten sie dem Eigentümer einen Euro dafür – ein fairer Preis, sagte eine Sprecherin der Initiative der taz: „Schließlich werten wir das Haus durch eine gemeinschaftliche Nutzung auf.“ Und überhaupt: „Warum werden Gebäude mehr wert, wenn man sie verfallen lässt?“

[4][Theoretisch gibt es in Bremen dafür eine klare Gesetzeslage:] Wer Wohnraum länger als ein halbes Jahr ungenutzt lässt, dem drohen Bußgelder von bis zu 100.000 Euro – so steht es im Wohnraumschutzgesetz. Theoretisch. Denn praktisch standen 2022 in Bremen 13.650 Wohnungen leer, 4.825 davon seit über einem Jahr. Aktuellere Daten gibt es nicht.

Laut der Baubehörde kann der Leerstand nachvollziehbare Gründe haben: Sanierungen, Verkauf oder Erbauseinandersetzungen. „Spekulativer Leerstand ist in Bremen die Ausnahme, nicht die Regel“, heißt es auf Nachfrage der taz. Trotzdem gibt es Wohnungen wie die in der Kornstraße, die viele Jahre, teils Jahrzehnte leer stehen.

[5][Schon länger gibt es Kritik, dass zu wenig unternommen wird, um diesen Wohnraum wieder zurück auf den Markt zu bringen.] „Der Weg dorthin führt häufig über Ansprache und Kooperation, selten über Zwang“, heißt es von der Baubehörde. „Das ist nicht Schwäche, sondern Rechtsstaatlichkeit.“ In den meisten Fällen ließen sich Eigentümer*innen überzeugen, ihren Wohnraum wieder zu aktivieren.

Den Eigentümer überzeugen, das wollte Korner gestalten auch. Sie klingelten an Haustüren, standen auf Wochenmärkten, schrieben Briefe an Anwohner*innen. Und auch einen an den Eigentümer: „Wir möchten die Gelegenheit nutzen, gemeinsam mit Ihnen zu besprechen, wie wir das Gebäude wieder in einen funktionierenden und wertvollen Teil der Stadtgesellschaft verwandeln können“, heißt es in dem Brief, der der taz vorliegt. Und: „Lassen Sie uns den Dialog beginnen.“

An diesem Dialog scheint der Eigentümer jedoch kein Interesse zu haben. Über Ingmar Vergau, dem Bremer Geschäftsführer des Verbands für Hauseigentümer*innen Haus und Grund lässt er zwei Tage vorm Ablauf der Frist mitteilen, dass er das Haus nun an einen Dritten verkaufen möchte. Über den Kaufpreis und potenzielle Käufer*innen zu sprechen, das sei indiskret. Und ein Kaufvertrag sei auch noch nicht unterschrieben, aber ein erster Notartermin für den 13. Mai geplant.

„Was uns am meisten empört, ist, dass nicht mit uns geredet wird“, sagt eine Sprecherin von Korner gestalten. „Wir haben so viele Gespräche mit Anwohner*innen, der Stadt und Politik geführt – aber letztendlich hängt die Entscheidung an dem Eigentümer, egal wie sehr uns die Nachbarschaft unterstützt.“

Die Initiative war gerade dabei, einen Verein zu gründen, für den 10. Mai war ein Straßenfest in der Kornstraße geplant. Dieses wird es nach wie vor geben: „Wir kämpfen um günstigen Wohnraum, Gemeinschaft, Teilhabe, nachbarschaftlicher Vernetzung“, teilt die Initiative mit. „Diese Dinge sterben nicht mit dem Haus. Aber es macht uns sehr wütend.“

5 May 2026

[1] /Hausbesetzung-in-Bremen/!6121922

[2] /Hausbesetzung-in-Bremen/!6126831

[3] /Hausprojekt-in-Neukoelln/!5900729

[4] /Der-Gesetzeslage-zum-Trotz/!6127683

[5] /Hausbesetzung-in-Bremen/!6121922

AUTOREN

Amanda Böhm

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