taz.de -- Die Wahrheit: Manifest für eine Randalekultur
Wider die Kunst und die Kultur als ein beherrschbarer, braver Wirtschaftszweig. Für alle, die dazwischenfunken und künstlerisch ins Regal pissen.
Wenn man im Kulturbetrieb arbeitet, stellt man früher oder später fest, dass man der einzige – oder wie es in spätestens fünf Jahren sogar im Duden stehen wird: der einzigste – Mensch in diesem Berufsfeld ist, der keinen Dachschaden hat. Die Grunderfahrung ist, frei nach Sartre: Die Irren, das sind die anderen. Nur man selbst ist normal.
Was es da nicht alles gibt: um sich selbst kreiselnde Schauspieler, gleichzeitig von Hybris und Minderwertigkeitskomplexen geplagte Regisseurinnen, klugscheißernde Lektorinnen, einen ins Koma labernden Dramaturgen. Schon oft habe ich darüber nachgedacht, ob ich nicht zufriedener wäre, wenn ich irgendwas anderes machen würde, Profi-Killer oder Englischlehrer. Oder Osteopath, Hebamme, irgendwas mit Holz oder Drogen …
Trotz allem sind mir aber die richtigen Kunst-Irren noch tausendmal lieber als die technokratischen Mutanten, die zunehmend die Schlüsselpositionen in der Kultur besetzen. Diese Funktionäre und Verwalter agieren nicht künstlerisch, sondern unangenehm politisch. Und nebenbei rationalisieren und ökonomisieren sie die Institutionen.
Geistige Wellness
Es ist absurd und eklig, aus Kunst und Kultur einen beherrschbaren, braven Wirtschaftszweig machen zu wollen. Nicht, dass das nicht funktionierte. Auf der sogenannten Hochkulturseite produziert man so eine Art geistige Mittelschichts-Wellness, Kultur als sprudelndes Entspannungsbad oder für die, die es richtig „deep“ haben wollen: Kunst als sinnstiftenden Religionsersatz. Auf der anderen, der angeblich unterhaltenden Seite entstehen irreale Scripted-Reality-Shows fürs Prekariat. Oder zynischer Selbstoptimierungs-Käse. Damit lassen sich in dem einen Fall ordentlich Subventionen abgreifen und im anderen fette Werbemillionen verdienen. Das ist aber leider beides in der Regel stinkelangweilig.
Nicht langweilig ist es, dazwischenzufunken, ins Regal zu pissen, künstlerisch, also ästhetisch etwas zu wagen: komisch, ernsthaft, gut gelaunt oder auch bitter. Und sobald irgendwo der Satz fällt „Nee, das können wir nicht machen“, sollte man es unbedingt tun. Wenn jemand meint, etwas wäre zu schwierig – machen! Wenn jemand meint, etwas wäre zu schlicht – machen! Zu komplex – machen! Zu verständlich – machen! Zu experimentell – machen! Zu sehr Mainstream – machen! Damit es scheppert. Damit es weiter geht.
Wer das nicht will, wer Ruhe, Konsens und Kontemplation braucht – wofür ich durchaus tiefstes Verständnis habe –, der sollte mit der Kultur aufhören und sich zurückziehen. Da gibt es bekanntlich viele Möglichkeiten: Kloster, evangelische Jugendbildungsstätte, ein Studio für Alexander-Technik …
Ich selbst stehe jeden Tag mindestens drei Mal kurz vor dem Ausstieg. Aber solange man den Absprung nicht wirklich schafft, sollte man einfach tapfer weiterrandalieren. Auch auf die Gefahr hin, für irre gehalten zu werden.
29 Apr 2026
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