taz.de -- Christliche Fundamentalisten: Jugendamt nimmt Kinder aus evangelikalem Heim in Obhut
Hamburger Behörden halten Verein Mission Freedom fĂŒr unprofessionell. Jetzt will der Regierungsbezirk Schwaben dessen Kinderheim im AllgĂ€u schlieĂen.
In Obhut genommen hat nach eigenen Angaben das Jugendamt OberallgĂ€u am 17. April alle Kinder, die in einem Heim der Hamburger HimmelsstĂŒrmer gGmbH gelebt haben. Diese ist eine Ende 2023 gegrĂŒndete Tochtergesellschaft des [1][christlich fundamentalistischen Vereins âMission Freedomâ] der Hamburger Missionarin Gaby Wentland, ebenfalls mit Sitz in Hamburg.
Der Verein betreibt privat sogenannte SchutzhĂ€user fĂŒr mutmaĂliche Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution und [2][erfĂŒllt nach EinschĂ€tzung von Hamburger Behörden nicht die QualitĂ€tsanforderungen], die es fĂŒr diese Arbeit braucht.
In Bayern hingegen genehmigte der Regierungsbezirk Schwaben eine Einrichtung der vollstationĂ€ren Kinder- und Jugendhilfe: Das âHaus Seenestâ, ein Heim fĂŒr âKinder und Jugendliche mit traumatischen Erfahrungenâ, wie es auf dessen Website heiĂt. Im Gesellschaftsvertrag ist spezifiziert, dass es um Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus Menschenhandel, sexueller Ausbeutung und Missbrauch geht.
Diese Kinder waren im âHaus Seenestâ nach Angaben des Jugendamts OberallgĂ€u âfragwĂŒrdigen ErziehungsmaĂnahmenâ ausgesetzt. Dazu zĂ€hle âein unangemessener Umgang mit freiheitsbeschrĂ€nkenden MaĂnahmenâ. Weitere Einzelheiten teilt das Jugendamt nicht mit.
TĂ€tigkeitsverbot fĂŒr Heimleiterin
Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass es gravierende VerstöĂe gegen das Kindeswohl gegeben haben muss, da die Inobhutnahme der sechs Kinder zwischen fĂŒnf und elf Jahren ohne AnkĂŒndigung geschah. Eine âdringende GefĂ€hrdungâ hĂ€tte nicht ausgeschlossen werden können, sofortiges Handeln sei erforderlich gewesen, schreibt eine Sprecherin des Landratsamt OberallgĂ€u der taz. Sie bestĂ€tigte einen Bericht des Bayerischen Rundfunks, demzufolge die Kinder aus Kita und Schule abgeholt wurden.
Zuvor hatte der Regierungsbezirk Schwaben schon am 5. MĂ€rz der pĂ€dagogischen Leiterin des âHaus Seenestâ die TĂ€tigkeit in der Einrichtung untersagt, wie ein Regierungssprecher mitteilte. Dies sei vom Verwaltungsgericht Augsburg im einstweiligen Rechtsschutzverfahren bestĂ€tigt worden. Auch seien nachtrĂ€gliche Auflagen erlassen worden, wie eine behördliche Zustimmungserfordernis bei Neuaufnahmen.
Wenn es nach dem Regierungsbezirk geht, soll das Heim unter TrĂ€gerschaft der HimmelsstĂŒrmer gGmbH ganz geschlossen werden. âWir prĂŒfen den Widerruf der dem TrĂ€ger erteilten Betriebserlaubnisâ, so der Sprecher. Grundlage einer solchen Entscheidung wĂ€re die mangelnde FĂ€higkeit oder Bereitschaft des TrĂ€gers, eine KindeswohlgefĂ€hrdung abzuwenden.
Vor zwei Jahren klang das noch anders. [3][Der NDR] hatte aufgrund der Neueröffnung des Heims zu den Methoden von âMission Freedomâ und ihrer GrĂŒnderin recherchiert und den Regierungsbezirk mit den Ergebnissen konfrontiert. Laut NDR antwortete der, das âVorliegen der (âŠ) Voraussetzungen sei intensiv geprĂŒft und bejaht worden.â Und: Bei heimaufsichtlichen Begehungen in der Einrichtung seien keine VerstöĂe gegen gesetzliche Vorgaben festgestellt worden.
Hamburger Behörden lehnen Zusammenarbeit ab
Auch die bayerische Landesregierung hatte damals keine Probleme gesehen, wie sie der GrĂŒnen-Landtagsabgeordneten Gabriele Triebel schriftlich mitgeteilt hatte. Diese hatte die Regierung unter anderem gefragt, ob ihr die Kritik an âMission Freedomâ bekannt sei.
Darauf [4][antwortete diese im Juni 2024], man habe jetzt erst die Position der Hamburger Behörden zur Kenntnis genommen, die eine Zusammenarbeit mit âMission Freedomâ ablehnen. âDabei wurde unter anderem die spezifisch religiöse Ausrichtung im Umgang mit Betroffenen als kritisch erachtetâ, so die bayerische Landesregierung.
Was sie nicht erwĂ€hnte: Was die Hamburger Landesregierung unter anderem nach RĂŒcksprache mit dem Landeskriminalamt darĂŒber hinaus kritisiert. âDie Arbeit und das Konzept von âMission Freedomâ entsprechen nicht den fachlichen QualitĂ€tsanforderungen im Umgang mit Menschenhandel, der Betreuung und dem SicherheitsbedĂŒrfnis der Betroffenen sowie der Anforderungen an die Kenntnis der bestehenden Opferhilfelandschaft beziehungsweise bestehender Kooperationsstrukturen.â
Nach Recherchen der taz durften die von âMission Freedomâ betreuten Frauen keine weltliche Musik mehr hören, mussten ihr Handy abgeben und durften nicht ohne Begleitung das âSchutzhausâ verlassen.
Das Hamburger Landeskriminalamt habe bestĂ€tigt, dass die vor zehn Jahren geĂ€uĂerten Bedenken weiter bestĂŒnden, heiĂt es in der Antwort der bayerischen Landesregierung. Aufgrund âfehlender eigener Erfahrungenâ sei âjedoch eine fachliche Bewertung des Konzepts des Vereins âMission Freedomââ nicht möglich. Und âmangels konkreter Anhaltspunkte gedenkt die Staatsregierung zum aktuellen Zeitpunkt nicht, âMission Freedomâ nĂ€her zu beleuchtenâ.
Mission statt professioneller Hilfe
AusfĂŒhrlich getan hat dies hingegen [5][das Recherche-Kollektiv Fundiwatch]. Das legt auf seiner [6][Website] dar, dass die ethischen GrundsĂ€tze der sozialen Arbeit nicht vereinbar sind mit dem Missionsauftrag christlicher Fundamentalist:innen und welche Gefahren die Vorstellung birgt, traumatische Erfahrungen lieĂen sich durch religiöse Praktiken âheilenâ.
Vergangene Woche forderte der [7][Deutsche Berufsverband fĂŒr Soziale Arbeit] die deutschen Aufsichtsbehörden dazu auf, strenger zu kontrollieren, âob TrĂ€ger die Trennung von missionarischem Eifer und professioneller Erziehung gewĂ€hrleisten könnenâ. Der Vorfall im AllgĂ€u mĂŒsse transparent aufgeklĂ€rt werden.
Das Jugendamt OberallgĂ€u schreibt der taz, die religiöse Ausrichtung des Heims sei nicht der Anlass fĂŒr die Inobhutnahme gewesen. Eine Nachfrage danach, ob sich die âfragwĂŒrdigen ErziehungsmaĂnahmenâ aus der christlich fundamentalistischen Ăberzeugung ableiten, bleibt unbeantwortet.
Weder die HimmelsstĂŒrmer gGmbH noch der Verein âMission Freedomâ reagierten binnen eines Tages auf die Bitte der taz um Stellungnahme.
Nachtrag: Am Montag bestĂ€tigte die Staatsanwaltschaft Kempten, sie prĂŒfe aufgrund der Medienberichterstattung den Anfangsverdacht einer Straftat.
3 May 2026
LINKS
[1] /Dubiose-Hilfsorganisation/!5055088
[2] /Zwischen-Sozialarbeit-und-Mission/!6099280
[5] /Zwischen-Sozialarbeit-und-Mission/!6099280
[6] https://fundiwatch.org/recherche_mission_freedom_himmelsstuermer_deutschland/
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