taz.de -- Christliche Fundamentalisten: Jugendamt nimmt Kinder aus evangelikalem Heim in Obhut

Hamburger Behörden halten Verein Mission Freedom fĂŒr unprofessionell. Jetzt will der Regierungsbezirk Schwaben dessen Kinderheim im AllgĂ€u schließen.

Bild: Hat den evangelikalen Verein „Mission Freedom“ hinter Kinderheimen gegrĂŒndet: Gaby Wentland, hier bei einer Preisverleihung 2014

In Obhut genommen hat nach eigenen Angaben das Jugendamt OberallgĂ€u am 17. April alle Kinder, die in einem Heim der Hamburger HimmelsstĂŒrmer gGmbH gelebt haben. Diese ist eine Ende 2023 gegrĂŒndete Tochtergesellschaft des [1][christlich fundamentalistischen Vereins „Mission Freedom“] der Hamburger Missionarin Gaby Wentland, ebenfalls mit Sitz in Hamburg.

Der Verein betreibt privat sogenannte SchutzhĂ€user fĂŒr mutmaßliche Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution und [2][erfĂŒllt nach EinschĂ€tzung von Hamburger Behörden nicht die QualitĂ€tsanforderungen], die es fĂŒr diese Arbeit braucht.

In Bayern hingegen genehmigte der Regierungsbezirk Schwaben eine Einrichtung der vollstationĂ€ren Kinder- und Jugendhilfe: Das „Haus Seenest“, ein Heim fĂŒr „Kinder und Jugendliche mit traumatischen Erfahrungen“, wie es auf dessen Website heißt. Im Gesellschaftsvertrag ist spezifiziert, dass es um Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus Menschenhandel, sexueller Ausbeutung und Missbrauch geht.

Diese Kinder waren im „Haus Seenest“ nach Angaben des Jugendamts OberallgĂ€u „fragwĂŒrdigen Erziehungsmaßnahmen“ ausgesetzt. Dazu zĂ€hle „ein unangemessener Umgang mit freiheitsbeschrĂ€nkenden Maßnahmen“. Weitere Einzelheiten teilt das Jugendamt nicht mit.

TĂ€tigkeitsverbot fĂŒr Heimleiterin

Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass es gravierende VerstĂ¶ĂŸe gegen das Kindeswohl gegeben haben muss, da die Inobhutnahme der sechs Kinder zwischen fĂŒnf und elf Jahren ohne AnkĂŒndigung geschah. Eine „dringende GefĂ€hrdung“ hĂ€tte nicht ausgeschlossen werden können, sofortiges Handeln sei erforderlich gewesen, schreibt eine Sprecherin des Landratsamt OberallgĂ€u der taz. Sie bestĂ€tigte einen Bericht des Bayerischen Rundfunks, demzufolge die Kinder aus Kita und Schule abgeholt wurden.

Zuvor hatte der Regierungsbezirk Schwaben schon am 5. MĂ€rz der pĂ€dagogischen Leiterin des „Haus Seenest“ die TĂ€tigkeit in der Einrichtung untersagt, wie ein Regierungssprecher mitteilte. Dies sei vom Verwaltungsgericht Augsburg im einstweiligen Rechtsschutzverfahren bestĂ€tigt worden. Auch seien nachtrĂ€gliche Auflagen erlassen worden, wie eine behördliche Zustimmungserfordernis bei Neuaufnahmen.

Wenn es nach dem Regierungsbezirk geht, soll das Heim unter TrĂ€gerschaft der HimmelsstĂŒrmer gGmbH ganz geschlossen werden. „Wir prĂŒfen den Widerruf der dem TrĂ€ger erteilten Betriebserlaubnis“, so der Sprecher. Grundlage einer solchen Entscheidung wĂ€re die mangelnde FĂ€higkeit oder Bereitschaft des TrĂ€gers, eine KindeswohlgefĂ€hrdung abzuwenden.

Vor zwei Jahren klang das noch anders. [3][Der NDR] hatte aufgrund der Neueröffnung des Heims zu den Methoden von „Mission Freedom“ und ihrer GrĂŒnderin recherchiert und den Regierungsbezirk mit den Ergebnissen konfrontiert. Laut NDR antwortete der, das „Vorliegen der (
) Voraussetzungen sei intensiv geprĂŒft und bejaht worden.“ Und: Bei heimaufsichtlichen Begehungen in der Einrichtung seien keine VerstĂ¶ĂŸe gegen gesetzliche Vorgaben festgestellt worden.

Hamburger Behörden lehnen Zusammenarbeit ab

Auch die bayerische Landesregierung hatte damals keine Probleme gesehen, wie sie der GrĂŒnen-Landtagsabgeordneten Gabriele Triebel schriftlich mitgeteilt hatte. Diese hatte die Regierung unter anderem gefragt, ob ihr die Kritik an „Mission Freedom“ bekannt sei.

Darauf [4][antwortete diese im Juni 2024], man habe jetzt erst die Position der Hamburger Behörden zur Kenntnis genommen, die eine Zusammenarbeit mit „Mission Freedom“ ablehnen. „Dabei wurde unter anderem die spezifisch religiöse Ausrichtung im Umgang mit Betroffenen als kritisch erachtet“, so die bayerische Landesregierung.

Was sie nicht erwĂ€hnte: Was die Hamburger Landesregierung unter anderem nach RĂŒcksprache mit dem Landeskriminalamt darĂŒber hinaus kritisiert. „Die Arbeit und das Konzept von ‚Mission Freedom‘ entsprechen nicht den fachlichen QualitĂ€tsanforderungen im Umgang mit Menschenhandel, der Betreuung und dem SicherheitsbedĂŒrfnis der Betroffenen sowie der Anforderungen an die Kenntnis der bestehenden Opferhilfelandschaft beziehungsweise bestehender Kooperationsstrukturen.“

Nach Recherchen der taz durften die von „Mission Freedom“ betreuten Frauen keine weltliche Musik mehr hören, mussten ihr Handy abgeben und durften nicht ohne Begleitung das „Schutzhaus“ verlassen.

Das Hamburger Landeskriminalamt habe bestĂ€tigt, dass die vor zehn Jahren geĂ€ußerten Bedenken weiter bestĂŒnden, heißt es in der Antwort der bayerischen Landesregierung. Aufgrund „fehlender eigener Erfahrungen“ sei „jedoch eine fachliche Bewertung des Konzepts des Vereins ‚Mission Freedom‘“ nicht möglich. Und „mangels konkreter Anhaltspunkte gedenkt die Staatsregierung zum aktuellen Zeitpunkt nicht, ‚Mission Freedom‘ nĂ€her zu beleuchten“.

Mission statt professioneller Hilfe

AusfĂŒhrlich getan hat dies hingegen [5][das Recherche-Kollektiv Fundiwatch]. Das legt auf seiner [6][Website] dar, dass die ethischen GrundsĂ€tze der sozialen Arbeit nicht vereinbar sind mit dem Missionsauftrag christlicher Fundamentalist:innen und welche Gefahren die Vorstellung birgt, traumatische Erfahrungen ließen sich durch religiöse Praktiken „heilen“.

Vergangene Woche forderte der [7][Deutsche Berufsverband fĂŒr Soziale Arbeit] die deutschen Aufsichtsbehörden dazu auf, strenger zu kontrollieren, „ob TrĂ€ger die Trennung von missionarischem Eifer und professioneller Erziehung gewĂ€hrleisten können“. Der Vorfall im AllgĂ€u mĂŒsse transparent aufgeklĂ€rt werden.

Das Jugendamt OberallgĂ€u schreibt der taz, die religiöse Ausrichtung des Heims sei nicht der Anlass fĂŒr die Inobhutnahme gewesen. Eine Nachfrage danach, ob sich die „fragwĂŒrdigen Erziehungsmaßnahmen“ aus der christlich fundamentalistischen Überzeugung ableiten, bleibt unbeantwortet.

Weder die HimmelsstĂŒrmer gGmbH noch der Verein „Mission Freedom“ reagierten binnen eines Tages auf die Bitte der taz um Stellungnahme.

Nachtrag: Am Montag bestĂ€tigte die Staatsanwaltschaft Kempten, sie prĂŒfe aufgrund der Medienberichterstattung den Anfangsverdacht einer Straftat.

3 May 2026

[1] /Dubiose-Hilfsorganisation/!5055088

[2] /Zwischen-Sozialarbeit-und-Mission/!6099280

[3] https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/Eine-zweifelhafte-Schutzeinrichtung-fuer-Kinder-und-Jugendliche,missionfreedom116.html

[4] https://www.bayern.landtag.de/www/ElanTextAblage_WP19/Drucksachen/Schriftliche%20Anfragen/19_0002044.pdf

[5] /Zwischen-Sozialarbeit-und-Mission/!6099280

[6] https://fundiwatch.org/recherche_mission_freedom_himmelsstuermer_deutschland/

[7] https://www.dbsh.de/news/detail/kindeswohl-ist-unverhandelbar-berufsverband-warnt-vor-ideologischen-einfluessen-in-der-stationaeren-jugendhilfe.html

AUTOREN

Eiken Bruhn

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