taz.de -- Die Wahrheit: Einsames Buh

Tagebuch einer TheatergÀngerin: Bei der Desensibilisierung gegen Nacktschauspieler hilft ein Rad, auf dem Dinge stehen, die Allergien verursachen.

Neulich im Theater sah ich ein bildgewaltiges StĂŒck, in dem es irgendwie um Endzeit und Durchhalten und Gemeinschaft ging, und wĂ€hrend ich das so aufzĂ€hle, könnte man meinen, einer meiner All-Time-Favoriten RenĂ© Pollesch wĂ€re auferstanden und hĂ€tte nochmal eben einen luziden Kommentar zum traurigen Zustand unserer Welt rausgehauen; leider war er aber nicht der Urheber, daher das eher belanglose Hin und Her. Ich vermute ihn an einem Ort im Jenseits, wo er mit anderen klugen Geistern GesprĂ€che ĂŒber den Quark fĂŒhrt, den wir hier so veranstalten.

WĂ€hrend das Publikum nach zwei sehr langen Stunden geschlossen in Begeisterung ausbrach, schleuderte ein einsamer Zuschauer neben mir ein zorniges Buh Richtung BĂŒhne. Ich schloss ihn fĂŒr seinen vergeblichen Protest ins Herz.

Am Folgetag fragten mich Freunde, ob ich denn schon die neuste Inszenierung an einem anderen bedeutenden Berliner Theater gesehen hĂ€tte. „Nee“, sagte ich, „davor fĂŒrchte ich mich ein bisschen. Ich hab Angst, dass der Hauptdarsteller plötzlich nackt auf mich zukommt.“ Der Mann ist nĂ€mlich dafĂŒr bekannt, nicht nur oft und gern unbekleidet zu performen, sondern auch zum Leidwesen seiner Kollegen gelegentlich aus der Handlung auszusteigen, weshalb sogar Zuschauer damit rechnen mĂŒssen, ungewollt Teil derselben zu werden. Zufallsopfer eines nackten BĂŒhnenhelden zu sein, steht ziemlich weit oben auf meiner „Nein, danke!“-Liste.

Am Rad drehen

Einer der Freunde schnĂ€uzte sich, seine Augen trĂ€nten. Hatte ich ĂŒbertrieben? „Heuschnupfen“ schniefte er. „Ich mach gerade 'ne Desensibilisierung. Vielleicht solltest du das auch tun. Du baust dir so ein Rad, wo alle Dinge draufstehen, denen du dich auf gar keinen Fall aussetzen willst. Dann drehst du's, und wo es anhĂ€lt, das machst du.“

Wir gingen sofort ans Werk. Von A wie „Alle Auftritte des Nacktschauspielers angucken“ arbeiteten wir uns bis zu F wie „SĂ€mtliche FKK-StrĂ€nde an Nord- und Ostsee besuchen“. Meine hoffnungsvolle Frage, ob ich das auch bei Minustemperaturen machen dĂŒrfe, wurde verneint. Nach K wie „Kreuzfahrt mit Pflichtbesuch des Abendprogramms ‚Heino meets Rammstein‘“ musste ich eine Pause einlegen. Mir war nicht gut.

Am Abend erholten wir uns bei einem meiner Lieblingsfilme von Mel Brooks, im deutschen Titel saisonal passend „FrĂŒhling fĂŒr Hitler“. BDM-Girls in BrezelkostĂŒmen und Lederboy-Wehrmachtsoldaten schmissen die Beine zum Titelsong „Springtime for Hitler“ mit so schönen Zeilen wie „We're marching to a faster pace, look out, here comes the master race!“ Wir lachten uns das Zwerchfell kaputt, und ich stellte mir Z wie Zersetzung vor: Dieses Mal ein Sensibilierungsprogramm gegen die aktuellen Freunde von Herrenrasse und Umvolkung mithilfe von „Jojo Rabbit“ und „Der große Diktator“, großzĂŒgig finanziert vom Staatsminister fĂŒr Kultur.

Auf dass Deutschland erwache, und zwar zackig!

7 May 2026

AUTOREN

Pia Frankenberg

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