taz.de -- Grenzkrieg am Hindukusch: Afghanische Uni statt pakistanischer Terroristen getroffen
Augenzeugen berichten der taz von einem pakistanischen Drohnenangriff während des Unterrichts an der Uni. Pakistan beruft sich auf Geheimdienstinfos.
Der 27. April begann wie ein ganz normaler Unterrichtstag an der Sayed-Jamaluddin-Afghani-Universität in Asadabad in der ostafghanischen Provinz Kunar. Doch plötzlich durchschlug eine Rakete das Dach des Hauptgebäudes. Sechs Studenten waren sofort tot, eine siebte Leiche wurde später geborgen. Dutzende Studierende und Lehrkräfte wurden durch Splitter verletzt.
„Die Rakete traf das Universitätsgebäude gegen 14 Uhr mit voller Wucht“, berichtet der Student Abdul Hadi der taz. „Wir versuchten, so schnell wie möglich zu fliehen.“ Ein weiterer Student, der den Angriff erlebte und anonym bleiben will, sagt: „Die Explosion veranlasste alle, auf dem Boden Deckung zu suchen. Fenster waren geborsten. Unser Dozent wies uns an, nacheinander das Gebäude zu verlassen, um eine Massenpanik zu verhindern.“
Zeugen sagten später, eine pakistanische Militärdrohne habe das Gebäude getroffen. Pakistans Ministerium für Information und Rundfunk wies die Verantwortung für den Angriff umgehend zurück und bezeichnete entsprechende Berichte als „offensichtliche Lüge“. Pakistans Zielauswahl sei „präzise und basiere auf Geheimdienstinformationen“.
Die Explosion zerschlug die fragilen Waffenstillstandsbemühungen zwischen den Nachbarstaaten. Pakistans Angriff erfolgte nur einen Monat nachdem sich Vermittler beider Staaten in der westchinesischen Stadt Urumqi zu von Peking vermittelten Gesprächen getroffen hatten. Ziel war, eine „umfassende Lösung“ für den Grenzkonflikt zu finden.
Vorwurf einer „Politik der verbrannten Erde“
[1][Der von Islamabad eskalierte Krieg] richtet sich offiziell gegen die pakistanischen Taliban (Tehrik-e-Taliban Pakistan – TTP). Diese führten, so der Vorwurf Islamabads, von Afghanistan aus mit Unterstützung des Taliban-Regimes in Kabul Terrorangriffe in Pakistan durch. Die Taliban beider Länder sind ideologisch verwandt, aber organisatorisch getrennt. Der Konflikt findet hauptsächlich entlang der bilateralen Grenze statt und hat sich zu dem ausgeweitet, was beide Seiten zunehmend einen „offenen Krieg“ nennen.
Pakistan behauptet weiterhin, seine Operationen richteten sich ausschließlich gegen extremistische Gruppen wie die TTP, die in Pakistan eine Welle von Selbstmordanschlägen auf Zivilisten sowie auf pakistanische Sicherheitskräfte verübt hätten.
Sher Agha, ein Aktivist aus Kunar, weist Islamabads Behauptung zurück: „Die Universität wurde wahllos getroffen. Dort waren keine Extremisten, sondern einfach nur Studierende.“ Die Explosion habe auch ein benachbartes Viertel und eine Tankstelle beschädigt und Dutzende Zivilisten verletzt.
Agha und andere werfen Pakistan vor, in Afghanistan eine Politik der „verbrannten Erde“ zu verfolgen und das Land unregierbar machen zu wollen. Im März hatten pakistanische Luftangriffe schon ein Drogenrehabilitationszentrum in Kabul getroffen. Mehr als 400 Menschen starben. Auch damals beharrte Pakistan darauf, ausschließlich auf die Taliban und ihre Unterstützer zu zielen.
Zielt Pakistan besonders auf Männer im wehrfähigen Alter?
Die Angriffe auf die Universität und die Rehabilitationsklinik wurden international beachtet, da sie in den Medien zugänglichen Gebieten stattfanden. Doch Einheimische berichten, dass die Kriegsgewalt in abgelegenen Gebieten noch extremer sei.
Saif ur-Rahman Alikozai aus Kunars Distrikt Sarkano (auch Sirkanay oder Sarkani genannt) stand letzte Woche in den Trümmern seines Hauses. „Pakistans Militär hat unser Dorf weitgehend zerstört“, sagt er der taz. Allein dort seien 20 Menschen getötet worden. „Es waren alles Männer“, sagt er. 15 weitere Personen, überwiegend Frauen und Kinder, seien schwer verletzt worden. Die offenbar gezielten Angriffe auf Männer lassen viele Afghanen annehmen, Pakistans Strategie sei, „Männer im wehrfähigen Alter“ in mutmaßlichen TTP-Hochburgen zu töten.
Längst gibt es auch eine massive humanitäre Krise. Laut [2][UN-Nothilfeorganisation Ocha] sind seit der Eskalation des Konflikts im Februar mehr als 100.000 Menschen vertrieben worden. Allein in den Provinzen Kunar und Nangarhar fällt inzwischen für mehr als 13.000 Schüler der Unterricht aus. Die von Peking vermittelten Gespräche sollten eigentlich einen umfassenden regionalen Krieg verhindern.
Doch haben die Angriffe gezeigt, wie sehr sich Pakistans Militär unter der Führung von Feldmarschall Asim Munir ermutigt fühlt, regionale Vermittler zu ignorieren. Womöglich testet Pakistan gerade, wie weit es mit seinen Angriffen gehen kann, ohne seine enge Beziehung zu China zu gefährden. Zugleich wird Munir von US-Präsident Donald Trump unterstützt und [3][vermittelt gerade selbst samt der pakistanischen Regierung zwischen den USA und Iran.]
In Kabul bezeichnet der amtierende Taliban-Minister für Hochschulbildung, Nida Mohammad Nadim, den Angriff auf die Universität als „feigen und brutalen Akt“. Das Verteidigungsministerium erklärt, bei Vergeltungsschlägen sechs pakistanische Soldaten in der südlichen Grenzregion Spin Boldak getötet zu haben. Laut Pakistan gab es auch zivile Opfer.
„Wir vergessen nie, wer die Bomben abgeworfen hat“
Jahrzehntelang strebte Pakistan in Afghanistan nach „strategischer Tiefe“ wegen seines Konflikts mit Indien auf der östlichen Seite und unterstützte jede militante Gruppe, die sich der Zentralregierung in Kabul widersetzte, einschließlich der heute regierenden Taliban. Zugleich bekamen Pakistans Militär und Geheimdienst Milliardenhilfen aus den USA.
Nun scheint Islamabad zu glauben, es könne Afghanistan zwingen, wegen der dortigen Präsenz der pakistanischen Taliban zu kapitulieren, indem es afghanische Dörfer bombardiert. Doch das Ergebnis ist eine Verhärtung der Afghanen. „Alles, was Pakistan macht, ist sicherzustellen, dass wir nie vergessen, wer die Bomben abgeworfen hat“, sagt ein Einwohner von Asadabad.
7 May 2026
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