taz.de -- Hausbesuche mit der SPD: Herr Rebmann will bleiben
Mannheim galt immer als SPD-Hochburg. Doch die AfD wird dort immer stärker. Haustürwahlkampf mit den Sozialdemokraten.
In der Mannheimer Innenstadt überwiegt am Samstagvormittag das Blau. Blaue Ballons, blaue Sonnenschirme, blaue Kugelschreiber. Der Stand der AfD ist der einzige, der dem kurzen Schauer nicht gewichen ist. Vier Männer und eine Frau stehen hinter Stehtischen und verteilen Flyer mit Titeln wie „Die Wahrheit über das Asylchaos“.
Eine Deutschtürkin mit Kopftuch nimmt einen der blauen Ballons für ihre Söhne entgegen. Wofür die drei roten Buchstaben darauf stehen, scheint sie nicht zu wissen. „Das ist schon irgendwie witzig, wenn Migrantenkinder mit unserem Werbematerial herumlaufen“, sagt Johannes Kopp, 43, AfD-Vorstand Kreisverband Mannheim. „Das nehmen wir mit Humor.“
Neben Humor hat die AfD hier vor allem eins: neues Selbstbewusstsein. Dabei war Mannheim, 300.000 Einwohner, eigentlich immer knallrot. Arbeiterstadt, Zuwanderungsort, SPD-Hochburg. Ein sozialdemokratischer Flecken auf einem großen schwarzen Stück Landkarte. Im Norden Mannheims, dort, wo die Stadtteile Schönau oder Sandhofen heißen, erreichte sie zeitweise Ergebnisse von über 50 Prozent.
Doch diese Ära ist spätestens seit den Landtagswahlen im letzten Jahr zu Ende. Auch dank der AfD. Die holte in ganz Mannheim knapp 18 Prozent und schnappte der SPD im Stadtteil Schönau sogar das Direktmandat weg. 30 Prozent der Wähler gaben ihr hier ihre Stimme. „Die SPD ist stinksauer auf uns“, sagt Kopp.
Nach dem Debakel die Hoffnung
Knapp eineinhalb Jahre nach dem Debakel hofft die SPD wieder auf die Mehrheit der Stimmen. Das Büro der SPD Schönau liegt schräg gegenüber vom sanierten Lena-Maurer-Platz. Der Lack der Bänke glänzt noch. Auch die Kinderkrippe nebenan sieht aus, als wurde sie gerade erst fertiggestellt. Drumherum Siedlungshäuser mit gepflegten Vorgärten.
„Der Ruf der Schönau entspricht nicht ihrem wirklichen Bild“, sagt Andrea Safferling. Die 54-jährige Stadträtin steht im Stadtteilbüro zwischen SPD-Plakaten, Flyern und Papiertüten. Eigentlich hatte sie keine Lust auf ein Gespräch, das hatte sie am Telefon signalisiert. Nach der Landtagswahl habe die Schönau und ihre SPD in fast allen Artikeln dumm ausgesehen. „Dass hier viel gemacht wird und dass wir eigentlich die einzige Partei sind, die hier präsent ist, wurde oft verschwiegen.“
Stefan Rebmann und drei Jusos betreten den Raum. Der 55-Jährige ist seit 2011 Bundestagsmitglied und SPD-Kandidat für den Wahlkreis Mannheim. Er trägt rosa Hemd und Jeans. „Grüß disch, Andrea.“ Für den Reporter machen sie heute eine gemeinsame Runde Hausbesuche. Erststimmenwahlkampf. Auf der Landesliste steht Rebmann auf Platz 20. „Ohne Direktmandat wird’s nichts“, sagt er.
An eine Wiederholung des Landtagsdebakels glaubt er nicht. Diesmal geht es allerdings um seine eigene Zukunft. Die letzten Male holte der CDU-Kandidat das Mandat für den Bundestag. Doch der ist jetzt in Rente und sein junger Nachfolger ist umstritten. Rebmanns Sieg ist Pflicht.
Verschlossene Türen, leere Straßen
Die ersten Türen bleiben verschlossen, auch die Straßen sind größtenteils leer. Die Ferien enden in Baden-Württemberg erst in einer Woche. Vor einem Kiosk starrt ein Mann auf seinen Lottoschein. Als Rebmann und Safferling näherkommen, blickt er kurz auf. „AfD?“ Safferling schüttelt den Kopf und drückt dem Mann einen Flyer in die Hand.
Daraufhin erklärt er aufgeregt, er könne die SPD nicht mehr wählen. „Ich komme aus ’nem SPD-Haushalt, ich habe euch immer gewählt. Aber jetzt ist Schluss. Ihr habt nix gemacht.“ Schnell kommt er aufs Thema Flüchtlinge. „Da sind so viel schwarze Buben dabei.“
Rebmann nickt zunächst, kommt dann näher und fasst dem Mann auf die Schulter. „Wenn 300.000 Mannheimer fliehen würden, glauben Sie, da wären keine Arschlöcher dabei?“ „Na klar, wenn ich dort leben würde, würde ich auch fliehen“, antwortet der nach kurzem Zögern. „Aber es hat sich alles so gewandelt.“ Plötzlich ist Rebmann beim Du.
Er erzählt davon, wie seine Frau einmal zehn Jesiden mit nach Hause brachte, von der Zeit, als er im Betriebsrat war und 500 Stellen gekürzt wurden. „Mir muss man nix vormachen, ich hab alles gesehen.“ Der Mann nickt. Er werde noch einmal überlegen, ob er wirklich beide Stimmen der AfD geben wird. Aber Merkel – die könne er nicht mehr sehen. „Alla gut, da simma uns ja einig“, Rebmann verabschiedet sich lächelnd.
„Das ist keine asoziale Gegend“
Einige Bewohner kennen die SPD-Stadträtin und freuen sich über ihren Besuch. Sie wünschen sich vor allem, dass die Schönau nicht mehr so schlechtgeredet wird. „Ich bin hier geboren, das ist keine asoziale Gegend“, sagt eine Frau. Immer betont Safferling, wie viel die Stadt in die Schönau investiert habe.
Die SPD setzt voll auf Rebmanns Authentizität – als ehemaliger Gewerkschaftler, als Mannheimer, als einer, der nah an den Menschen ist. Der Name Martin Schulz fällt an keiner Haustür. Ein richtiges Rezept gegen das Erstarken der AfD hat die SPD hier nicht. Stattdessen herrscht Ratlosigkeit. Was, wenn die Rechtspopulisten wieder so stark abschneiden? „Der Gedanke macht mir Angst“, gibt Safferling zu.
6 Sep 2017
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