taz.de -- Misogynie und Rassismus: Lasst euch nicht besänftigen

Die US-Autorin und Aktivistin Soraya Chemaly zeigt die Wut als befreiende Kraft. Auch wie Rassismus und Antifeminismus zusammenhängen.

Bild: Besonders der Protest von schwarzen Frauen wird gerne überhört, Washington D.C. am 7. Juni

In diesen Tagen flimmert sie wieder in vielen aufgeregten Bildern über unsere Displays: Wut. Der Mord an [1][George Floyd] hat eine Welle der Entrüstung ausgelöst und ein altbekanntes Problem wieder neu in den Fokus gerückt: den strukturellen und institutionellen Rassismus innerhalb unserer Gesellschaft. Unter den Demonstrant*innen sind besonders viele Frauen.

Folgt man der US-amerikanischen Journalistin und Aktivistin [2][Soraya Chemaly], ist das kein Zufall. In ihrem nun auf Deutsch erschienenen Buch „Speak Out!“ zeigt die Autorin, dass der Kampf gegen Rassismus eng mit der Frauenrechtsbewegung verbunden ist.

In ihrer Abhandlung über die Kraft der weiblichen Wut führt sie daher viele Schwarze Frauen an, die sich unerschrocken gegen die Benachteiligung und Herabwürdigung von Schwarzen und People of Color einsetzen. Dabei ist das gerade für diese Frauen ungleich schwerer, wie Chemaly eindrücklich herausstellt. Ihre Stimmen werden seltener gehört, weil ihre Wut härter gemaßregelt wird.

Generell ist das so eine Sache mit der weiblichen Wut, meint die Autorin. „Es gibt wohl keine einzige Frau auf der Welt, die nicht wüsste, wie offen weibliche Wut verunglimpft wird.“ Als Beispiel führt sie die rassistischen Stereotypen von der zornigen Schwarzen, der feurigen Latina, der traurigen Asiatin und der verrückten Weißen an. Damit gelten Frauen, sobald sie ihrem Ärger Luft machen, gemeinhin meist als jähzornig, ungerecht und schlicht zu emotional. Schon kleine Mädchen leiden unter dieser strukturellen Diskriminierung. Weitaus häufiger als Jungs werden sie, wie Chemaly anhand von Studien der aktuellen Genderforschung zeigt, gemaßregelt und damit letztlich beinahe mundtot gemacht.

Erfahrungen der Ohnmacht

Welche Auswirkungen diese Erfahrungen der Ohnmacht und Ungerechtigkeit auf das Leben einer erwachsenen Frau haben, legt die Publizistin in einem abwechslungsreichen Mix aus persönlichen Erfahrungen und aktuellen Studien offen.

Tatsächlich sind die Formen von Diskriminierungen von Frauen vielfältig und schlagen in Bereichen zu, in denen man nicht unbedingt mit ihnen rechnet. So werden Frauen, die beim Arzt über Schmerzen klagen, meist mit Beruhigungsmitteln abgespeist. Männer bekommen dagegen das ersehnte Schmerzmittel. Auch mit der in der Gesellschaft häufig ach so hoch angesehenen Mutterschaft ist es nicht so weither, wenn man bei Chemaly liest, „dass alle 90 Sekunden eine Frau an einer vermeidbaren Komplikation im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft stirbt.“

Daneben erledigen Frauen immer noch den Mammutanteil an unbezahlten Aufgaben in Haushalt und Familie. Gleichzeitig überschätzen Männer häufig ihren Arbeitseinsatz im häuslichen Umfeld. Da wundert es wenig, dass die Autorin zu berichten weiß, dass in den letzten 30 Jahren das Engagement von Männern im Haushalt gerade mal um eine Minute pro Tag gestiegen ist.

Wirft man einen kritischen Blick auf das aktuelle Konjunkturpaket der Bundesregierung, dann wird klar, dass auch Politiker*innen ihren Einsatz für Frauen unterschätzen. Die Worte „Frauen“, „Geschlechtergerechtigkeit“ und „Care“ kommen nämlich in diesem nicht mal vor. Dabei sind es in der ersten Linie Frauen, die die systemrelevanten Jobs in der Pandemie erledigt haben.

Frauen als Expertinnen

Apropos Pandemie. Beim Auftritt von Frauen als Expertinnen sieht man ebenfalls Chemalys Thesen in „Speak Out!“ bestätigt. Oder fällt Ihnen auf Anhieb eine Virologin ein, die man regelmäßig zu ihren Forschungsergebnissen am Virus befragt hätte?

Wenn Frauen dann mal in Diskussionsrunden gefragt werden, läuft es aber auch nicht viel besser. Am Beispiel von Wahlkampfdiskussionen zwischen Donald Trump und Hillary Clinton veranschaulicht die Autorin, dass Frauen beim Sprechen weitaus häufiger unterbrochen werden als Männer. Gleichzeitig wird ihr Redeanteil aber höher eingeschätzt.

Beim Lesen von „Speak Out!“ kann man mitunter also auch ziemlich wütend werden. Die Liste an Diskriminierungen, Rassismus und Misogynie, die Frauen aber auch besonders hart Mitglieder der LGBTIQ-Gruppe noch immer in dieser Welt entgegenschlagen, ist genauso lang wie unerhört. Die gute Nachricht: Chemaly lässt die Leser*innen mit ihrer Wut nicht allein, sondern gibt praktische Handlungsempfehlungen, wie man seine Wut in konstruktive Bahnen lenken kann.

Damit macht die preisgekrönte Journalistin Schluss mit dem Mythos von der Frau als jäh- und rachsüchtige Xanthippe und entwickelt ein Frauenbild, das die Kraft hat, die Gesellschaft in eine freie und offenere umzugestalten.

12 Jun 2020

[1] /Proteste-in-den-USA-nach-Polizeigewalt/!5689298

[2] http://www.sorayachemaly.com/

AUTOREN

Roth

TAGS

Schwerpunkt Rassismus

USA

Feminismus

Protest

Simone de Beauvoir

Gleichstellung

Schwerpunkt Rassismus

Gender

Buch

Polizeigewalt

Black Lives Matter

Black Lives Matter

Schwerpunkt Rassismus

Englische Literatur

Feminismus

Frau

ARTIKEL ZUM THEMA

Altern und Altsein: An der Zitronentafel des Lebens

In „Die Reisende der Nacht“ klagt Laure Adler die gesellschaftliche Missachtung der Ältesten an. In Frankreich ein Thema, das gerade entdeckt wird.

Giffeys Gleichstellungsstrategie: Ernüchternd nichtssagend

Was das Grundgesetz seit 25 Jahren festschreibt, wird Giffeys Strategie nicht leisten: die Gleichstellung der Geschlechter durchzusetzen.

Strategien für die Krise: Solidarität und Verantwortung

In einer Welt voller Hass und Gewalt hilft vermutlich nur noch ein Appell an den Menschenverstand und an die Menschlichkeit. Und Information.

Trump-Administration gegen Minderheiten: Kein Schutz für trans Menschen

Trump will Transgeschlechtlichkeit praktisch abschaffen. Er weiß genau, was er tut. Das mobilisiert die eigene Basis, aber auch die Gegenseite.

Roman „Mein Name ist Monster“: Frauen in extremer Lage

Ein gefährliches Virus, Selbstisolation und eine spezielle Mutter-Tochter-Beziehung: Katie Hales dystopischer Roman könnte nicht aktueller sein.

Kampf gegen US-Polizeigewalt: Aus Gewalt Politik formen

Zu viele Namen, zu viele Opfer. Es ist Zeit, die sinnlose Polizeigewalt in konkrete politische Reformen umzumünzen.

Protest gegen Rassismus: Kniend sich erheben

Die, die jetzt gegen rassistisch motivierte Gewalt demonstrieren, eignen sich den Kniefall des Unterdrückers als Kampfgeste an. Diese ist sehr stark.

BLM- und Anti-BLM-Proteste in London: Keine Gemeinsamkeiten

Im Hyde-Park demonstrierten am Samstag Hunderte gegen rassistische Polizeigewalt. Rechtsextreme versammelten sich nahe des Parlaments um historische Statuen.

Wahlkampfkundgebung von Donald Trump: Nach heftiger Kritik verschoben

Ausgerechnet zu „Juneteenth“, dem Tag des Gedenkens an das Ende der Sklaverei, wollte Trump seine Anhänger nach Tulsa mobilisieren. Das brachte ihm einen Shitstorm ein.

Buch „Über Ehe und Trennung“: Wenn es vorbei ist

Wer ist man in der Ehe, wer danach? Rachel Cusk wirft einen schonungslosen Blick auf die Lügen und Schwächen in den modernen Rollenbildern.

Anwältin über häusliche Gewalt: „Vorhandene Gesetze reichen aus“

Die Berliner Strafrechtsanwältin Christina Clemm vertritt vor Gericht Frauen, die häusliche Gewalt erleben. Jetzt hat sie dazu ein Buch geschrieben.

Sachbuch „Drei Frauen“: Ist das schon Emanzipation?

Lisa Taddeo möchte mit ihrem gefeierten Debüt nicht weniger als das weibliche Begehren erklären. Doch drei Frauen sind noch keine Generation.