taz.de -- Die UNO und der Ukraine-Krieg: Der UNO bleibt nur eine Nebenrolle

Im Ukraine-Krieg können die UN nur wenig ausrichten. Das zeigte auch der Moskau-Besuch von GeneralsekretÀr Guterres. Seine nÀchste Station ist Kiew.

Bild: UN-GeneralsekretĂ€r Guterres und Russlands Außenminister Lawrow am Dienstag in Moskau

Berlin taz | NĂ€chste Station Kiew, doch nichts im GepĂ€ck: UNO-GeneralsekretĂ€r Antonio Guterres trifft nach weitgehend ergebnislosen GesprĂ€chen mit der russischen Regierung in Moskau am Donnerstag in Kiew mit dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodimir Selenski zusammen. Von PrĂ€sident Wladimir Putin erhielt Guterres am Dienstag nur sehr vage Zusagen fĂŒr eine „mögliche Rolle“ der Vereinten Nationen bei der humanitĂ€ren Versorgung der ukrainischen Bevölkerung sowie bei der [1][Evakuierung von Zivilisten aus Mariupol.]

„Der russische PrĂ€sident stimmte grundsĂ€tzlich der Beteiligung der Vereinten Nationen und des Internationalen Komitees fĂŒr das Rote Kreuz an der Evakuierung von Zivilpersonen aus dem Azow-Stahlwerk in Mariupol zu“, teilte ein UNO-Sprecher mit. Zu diesem Thema sollten „die Vereinten Nationen mit dem russischen Verteidigungsministerium in Kontakt bleiben“.

Unklar blieb zunĂ€chst, ob Putin auch dem Vorschlag von Guterres zustimmte, eine Gruppe von Vertretern der UN, des Roten Kreuzes sowie des ukrainischen und russischen MilitĂ€rs zu bilden, die sich um das sichere Funktionieren der humanitĂ€ren Korridore kĂŒmmern soll.

In seinen GesprĂ€chen mit Putin sowie zuvor mit Außenminister Sergei Lawrow hatte der UNO-GeneralsekretĂ€r vergeblich die sofortige Einstellung der russischen Angriffe und die Vereinbarung eines dauerhaften Waffenstillstands mit der ukrainischen Regierung gefordert.

Vorschlag zurĂŒckgewiesen

Lawrow lehnte dies ab unter Verweis auf den „Verhandlungsunwillen“ der ukrainischen Seite und wies auch Guterres’ Vorschlag zur Einsetzung eines UN-Vermittlers als „zu frĂŒh“ zurĂŒck. Guterres Ă€ußerte in Moskau sein Bedauern, dass die UN nicht beteiligt gewesen seien an der Umsetzung des im September 2014 vereinbarten Minsker Friedensplans fĂŒr die Ostukraine.

Der Sicherheitsrat hatte lediglich im Februar 2015 das Minsk-2-Abkommen zur Umsetzung des ursprĂŒnglichen Friedensplans per Resolution fĂŒr völkerrechtlich verbindlich erklĂ€rt. Maßnahmen zur Durchsetzung dieser Resolution – durch Entsendung einer UN-Beobachtermission oder einer Blauhelmtruppe – unterblieben aber.

Diese Aufgabe wurde der „Organisation fĂŒr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (OSZE) ĂŒberlassen. Deren Mission in der Ostukraine hatte jedoch angesichts völlig unzureichender personeller und logistischer Ressourcen keinerlei deeskalierenden Effekt auf den Konflikt. Über die Dokumentation der VerstĂ¶ĂŸe beider Seiten – der pro-russischen Separatisten sowie der ukrainischen Regierung – gegen die Minsker Vereinbarungen kam die OSZE-Mission nie hinaus.

Auf die den KĂ€mpfen in der Ostukraine vorausgegangene völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland im MĂ€rz 2014 hatte der UN-Sicherheitsrat wegen einer Vetodrohung Moskaus ĂŒberhaupt nicht reagieren können. Stattdessen verurteilte die UNO-Generalversammlung die Annexion Ende MĂ€rz 2014 mit großer Mehrheit und bezeichnete das Sezessions-Referendum vom 16. MĂ€rz, mit der Moskau die Annexion zu legitimieren suchte, als „ungĂŒltig“. Auch diese Resolution hatte keine praktischen Konsequenzen.

An Moskaus Veto gescheitert

Dasselbe gilt fĂŒr die [2][Resolution, in der die UNO-Generalversammlung am 2. MĂ€rz dieses Jahres Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine mit 141 gegen 5 Stimmen als „völkerrechtswidrig“ kritisierte] und die „sofortige und bedingungslose Einstellung aller Angriffshandlungen“ sowie den „vollstĂ€ndigen RĂŒckzug“ der russischen Invasionstruppen forderte. Ein entsprechender Resolutionsantrag im Sicherheitsrat war zuvor am Veto Russlands gescheitert. In der Generalversammlung gab es jedoch weder im MĂ€rz 2014 noch in diesem Jahr Initiativen, auch Maßnahmen zur Durchsetzung der Resolutionen zu verabschieden.

Die Reise von GeneralsekretĂ€r Guterres in die Kriegsregion erfolgte erst, nachdem ihn ĂŒber 200 ehemalige UNO-FunktionĂ€re in einem offenen Brief zu einer aktiveren Rolle aufgefordert hatten. Kritiker monieren, Guterres hĂ€tte schon vor Kriegsbeginn nach Moskau und Kiew reisen sollen, auch ohne RĂŒckhalt durch den Sicherheitsrat und mit dem Risiko des Scheiterns – so wie sein VorgĂ€nger Kofi Annan, der im Vorfeld des Irakkrieges 2003 gegen den Widerstand der VetomĂ€chte USA und Großbritannien nach Bagdad gereist war, um den Krieg noch abzuwenden.

Andere Kritiker bemÀngeln, Guterres habe seine mögliche Rolle als Vermittler verspielt, weil er den Angriffskrieg der Vetomacht Russland vom ersten Tag an klar als Völkerrechtsbruch kritisiert hatte. Annan tat dies mit Blick auf den Irakkrieg von 2003 erst lange nach Kriegsende und nur wegen bohrender Nachfragen eines BBC- Journalisten.

27 Apr 2022

[1] /Lage-in-Mariupol/!5846555

[2] /UN-Generalversammlung-verurteilt-Krieg/!5839174

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Andreas Zumach

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