taz.de -- Wechselstimmung in Nigeria, Kenia und Co: Nie mehr Eintagsfliege sein
In immer mehr LĂ€ndern Afrikas bringt der Unmut der Menschen AuĂenseiter an die Macht, die zumindest fĂŒr einen kurzen Moment VerĂ€nderung verheiĂen.
Als Kind hatte Sodea So Ne Kpekase groĂe PlĂ€ne. Der kleine Kameruner machte gerne Musik, er bastelte mit ElektrogerĂ€ten und er wollte Wasserminister werden. Aber sein Vater hatte andere Ideen. Sein Sohn sollte das Vieh hĂŒten, damit seine fĂŒnf BrĂŒder und die groĂe Schwester zur Schule gehen können.
Sodea sagte Nein und wurde von der Familie verstoĂen, im Alter von 13 Jahren. Er biss sich alleine durch und landete doch noch auf der Hochschule. âIch erlebte FehlschlĂ€ge, aber ich legte die HĂ€nde nicht in den SchoĂ,â beschreibt er seinen Lebensweg im Informationsbrief seiner kamerunischen Jugendaktivistengruppe, der unter dem Motto âGemeinsam die Welt verĂ€ndernâ erscheint. Mittlerweile sitzt Sodea So Ne Kpekase im Jugendparlament von Kamerun, eine Plattform, in der Jugendliche so tun können, als seien sie Abgeordnete, sich als âHonorableâ bezeichnen, eine AmtsschĂ€rpe umlegen und diversen nĂŒtzlichen AktivitĂ€ten nachgehen, die Kameruns Staat vernachlĂ€ssigt. Sodea zum Beispiel hilft Familien in seiner Heimatregionen, Geburtsurkunden fĂŒr ihre Kinder ausgestellt zu bekommen â ein fĂŒr viele Menschen mit hohen HĂŒrden verbundener bĂŒrokratischer Prozess, ohne den aber keine Teilhabe am staatsbĂŒrgerlichen Leben möglich ist.
Sodeas Geschichte ist typisch in LĂ€ndern wie Kamerun, wo die meisten Menschen in Armut leben, Kinder die HĂ€lfte der Bevölkerung ausmachen, restriktive familiĂ€re Vorgaben das Erwachsenwerden prĂ€gen und Aufstieg das Privileg weniger darstellt. Ăkonomen zufolge haben nur 10 Prozent der kamerunischen Bevölkerung im arbeitsfĂ€higen Alter ĂŒberhaupt eine bezahlte Arbeit im formellen Sektor, der Rest ĂŒberlebte informell als Prekariat. Anderswo sieht es nicht viel besser aus. Die meisten Menschen sehen das Leben der Reichen und Schönen an sich vorbeiziehen, wĂ€hrend sie selbst nicht wissen, was ihre Kinder am nĂ€chsten Tag essen sollen.
In der Demokratischen Republik Kongo sagt das Sprichwort, der Durchschnittskongolese habe eine Lebenserwartung von tĂ€glich verlĂ€ngerbaren 24 Stunden (â24 heures renouvelablesâ). Ein politisches System, das dem Rechnung tragen könnte, muss erst noch erfunden werden. Demokratische Institutionen mit freien Wahlen bringen wenig, wenn die meisten Menschen den Status von Eintagsfliegen haben, die sich von ScheiĂe ernĂ€hren mĂŒssen und sich an der Wahlurne bloĂ zwischen unterschiedlichen Haufen entscheiden sollen. Hoffnung bestĂŒnde darin, gar keine Eintagsfliege mehr zu sein, aber diese Option steht nicht zur Wahl.
So haben regelmĂ€Ăige demokratische Machtwechsel in Afrika ihren Glanz verloren. In Ghana oder Sambia, wo der Regierungswechsel zwischen etablierten politischen KrĂ€ften inzwischen Routine ist, hat sich das Leben dadurch nicht verbessert. Eher erscheinen solche LĂ€nder noch anfĂ€lliger fĂŒr Wirtschaftskrisen, weil die neuen Regierungen immer vor allem die Hinterlassenschaften ihrer VorgĂ€nger ausmisten mĂŒssen.
Immer öfter punkten daher politische AuĂenseiter, die gegen das System an sich antreten, als selbst ernannte Quereinsteiger und Heilsbringer, die der verelendeten Masse die Tore zum Paradies öffnen sollen. Wo 90 Prozent der Bevölkerung AuĂenseiter sind, kann echte Demokratie eigentlich gar nicht anders funktionieren. In Nigeria muss Peter Obi, der als Spitzenkandidat einer Minipartei antritt, die Wahlen gar nicht gewinnen, [1][um Nigerias Wahljahr 2023] zu prĂ€gen: Er sagt dem [2][Politestablishment] den Kampf an, predigt in einem der korruptesten LĂ€nder der Welt GenĂŒgsamkeit und Einfachheit und landet damit an der Spitze mancher Umfragen. Obi ist in Wirklichkeit selbst lĂ€ngst Teil der Elite, aber er wirkt glaubwĂŒrdiger als seine Kollegen, weil er die Werte dieser Elite kritisiert.
[3][William Ruto in Kenia gewann vergangenes Jahr] die PrĂ€sidentschaftswahl mit der Selbstbezeichnung âhustlerâ â jemand, der stĂ€ndig irgendwelche GeschĂ€fte am Laufen hat und sich durchboxt. Rutos Lebensgeschichte vom Armenjungen zum MillionĂ€r war ĂŒberzeugender als die seines Konkurrenten Raila Odinga, der zwar fĂŒr eine inklusivere Politik antrat, aber als Sohn eines UnabhĂ€ngigkeitshelden den Makel des Dynastiezöglings nicht ablegen konnte. Von ExfuĂballstar George Weah in Liberia bis zum MillionĂ€r [4][Sam Matekane in Lesotho] reicht die Liste weiterer AuĂenseiter, die Wahlen gewinnen und an die sich immense Hoffnungen auf VerĂ€nderung knĂŒpfen.
Wo die politischen Systeme zu verkrustet fĂŒr Machtwechsel an der Wahlurne sind, erfĂŒllen Putschisten diese Aufgabe â Assimi GoĂŻta in Mali, Mamady Doumbouya in Guinea oder die verschiedenen MilitĂ€rherrscher von Burkina Faso. In vielen LĂ€ndern Afrikas erscheint die Armee, in der alle die gleiche Uniform tragen und die gleichen Befehle befolgen mĂŒssen, als einziger halbwegs fairer Weg zum gesellschaftlichen Aufstieg. Der MilitĂ€rputsch soll diese Gleichheit in die Politik tragen. Das geht langfristig immer schief, da eine militĂ€rische Befehlskette nicht zum Regieren taugt, aber fĂŒr den 24-Stunden-Horizont genĂŒgt es. Dort, wo auch die Armee von GĂŒnstlingswirtschaft und Korruption durchsetzt ist, fĂŒhrt es allerdings geradewegs in den BĂŒrgerkrieg.
Und in Kamerun? [5][PrĂ€sident Paul Biya regiert seit 1982]. Im vergangenen November feierte er den 40. Jahrestag seines eigenen Putsches und am 13. Februar 2023 seinen 90. Geburtstag, auf seiner Farm, streng abgeschirmt von der Bevölkerung, mit einer groĂen Geburtstagstorte und geladenen GĂ€sten. Ganz Kamerun fĂŒrchtet den Moment, in dem Paul Biya stirbt und damit auch sein Feudalsystem, in dem auĂer ihm niemand etwas zu sagen hat und zugleich kein Rivale und kein Nachfolger in Sicht ist. Kamerun ist der nĂ€chste groĂe Krisenherd Afrikas in Wartestellung. Ein Land voller Jugendlicher, die ihre TrĂ€ume vom schönen Leben nie realisiert haben und die nicht lĂ€nger zulassen wollen, dass man ihnen ihre Zukunft vorenthĂ€lt.
1 Mar 2023
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