taz.de -- Freiburger Indymedia-Razzien: Es könnte sogar nützen

Sechs Jahre nach dem Verbot durchsucht die Polizei wegen Indymedia Wohnungen. Es wirft ein Licht auf den damaligen Schlag gegen die Pressefreiheit.

Bild: Kundgebung vor dem Bundesverwaltungsgericht gegen den Indymedia-Prozess im Januar 2020

Vergangenen Mittwoch durchsuchten Polizist*innen Wohnungen von fünf Linken in Freiburg. Bei ihnen fanden bereits im August 2017 Razzien statt. Wie vor sechs Jahren geht es um denselben Vorwurf: Die Betroffenen sollen die linke Internetplattform Indymedia-Linksunten betrieben haben. Die war 2017 vom Bundesinnenministerium nach den teilweise gewalttätigen Auseinandersetzungen auf dem G20-Gipfel in Hamburg verboten worden und ist seitdem abgeschaltet.

Nun wird den Betroffenen vorgeworfen, einen Teil der Texte, die auf Indymedia-Linksunten zu lesen waren, als Archiv wieder ins Netz gestellt und damit die verbotene Nachrichtenplattform fortgeführt zu haben.

Man muss sich fragen, warum der Staatsapparat so viel Energie aufwendet, um nach den Betreiber*innen eines Mediums zu fahnden, das gar nicht mehr existiert. Und das in einer Zeit, in der das Internet von rassistischen Inhalten geflutet wird. Indymedia-Linksunten hingegen war Teil einer linken, antifaschistischen Gegenöffentlichkeit. Dort wurden auch Recherchen über rechte Netzwerke veröffentlicht.

Das Verbot bedeutete nicht nur einen Schlag gegen ein selbstorganisiertes linkes Medium, sondern gegen die Pressefreiheit insgesamt. Dass davon nicht nur vermeintliche Indymedia-Betreiber*innen betroffen sind, zeigt die Anklage gegen den Redakteur [1][des Senders Radio Dreyeckland (RDL), Fabian Kienert]. Ihm wirft die Justiz vor, über die Einstellung aller Verfahren gegen die Beschuldigten berichtet und das Indymedia-Archiv verlinkt zu haben. Diese Anklage nutzen die Ermittlungsbehörden nun für die erneuten Razzien. [2][Dabei bemühen sie Beschuldigungen, die sie in den letzten sechs Jahren nicht gerichtsfest beweisen konnten].

Große Teile der Linken haben Indymedia mittlerweile vergessen und nutzen heute moderne Informations- und Kommunikationskanäle. Die erneuten Ermittlungen könnten jedoch dazu führen, dass das Verbot von [3][Indymedia] auch in der breiten Öffentlichkeit als Schlag gegen die Pressefreiheit verstanden wird. Zumindest das wäre eine gute Nachricht.

4 Aug 2023

[1] /Indymedia-Link-bei-Radio-Dreyeckland/!5940729

[2] /Ermittlungen-gegen-linke-Plattform/!5871408

[3] /Indymedia/!t5011032

AUTOREN

Peter Nowak

TAGS

Indymedia

Schwerpunkt G20 in Hamburg

Razzia

Schwerpunkt Pressefreiheit

GNS

Schwerpunkt Pressefreiheit

Medien

Indymedia

ARTIKEL ZUM THEMA

Linke Medien: Indymedia vor Gericht gescheitert

Die letzte Klage gegen das Verbot der linken Medienplattform Indymedia ist abgelehnt worden. Weiter geht’s vielleicht trotzdem.

Ermittlungen gegen linke Plattform: Indymedia-Verfahren eingestellt

Seit fast fünf Jahren läuft ein Ermittlungsverfahren gegen die linke Internetplattform linksunten.indymedia. Nun wurde es eingestellt.

Linksunten beim Bundesverwaltungsgericht: Kurzer Prozess für Indymedia?

Ob die fünf Freiburger Kläger überhaupt gegen das Vereinsverbot der linken Internetplattform vorgehen können, ist fraglich.