taz.de -- Antisemitismus und der 7. Oktober: Mehr Dialog, weniger Urteil
Antisemitismus ist ein Problem der ganzen Gesellschaft, sagt Dervià Hızarcı. Doch wieder werde nur auf Muslime gezeigt, klagt er in seinem Buch.
Ein Jahr nach dem 7. Oktober ist die deutsche Gesellschaft gespaltener denn je. Statt echter Anteilnahme und Trauer um die Toten auf beiden Seiten herrschen Hass und Schuldzuweisungen. Antisemitische Straftaten sind dramatisch gestiegen. Doch anstatt differenziert die Ursachen zu bekĂ€mpfen und so dafĂŒr zu sorgen, dass JĂŒdinnen und Juden hierzulande sicher leben können, hat die plumpe Rede vom âimportierten Antisemitismusâ Konjunktur, wird die âStaatsraison Israelâ als hohles Schauspiel inszeniert. Und von Muslimen werden â wie nach 9/11 â Bekenntnisse verlangt, als ob sie das ganze Problem wĂ€ren.
Dies ist in Kurzform die Bestandsaufnahme von DerviĆ Hızarcı. Der Vorstandsvorsitzende der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) [1][und ehemalige Antidiskriminierungs-Beauftragte der Bildungsverwaltung] hat unter dem Titel âZwischen Hass und Haltung. Was wir als Migrationsgesellschaft lernen mĂŒssenâ ein Buch vorgelegt, das nicht nur Verantwortliche in Politik und Gesellschaft nachdenklich stimmen sollte. Denn im Prinzip, sagt er, gefĂ€hrden âwir als Gesellschaftâ mit der Diskriminierung, die Muslime, und vor allem muslimische Kinder und Jugendliche in Deutschland erfahren, ânicht nur die âStaatsrĂ€son Israelâ, sondern wir gefĂ€hrden die Demokratie, die diese StaatsrĂ€son trĂ€gtâ. Wen man ausschlieĂt, der zieht sich zurĂŒck. âUnd im Extremfall â und das ist die groĂe Gefahr â verlieren wir die Kinder an radikale Bewegungen und Ideologien, die ihnen Zugehörigkeit, SelbstwertgefĂŒhl und Sinn zu vermitteln scheinen.â
In einer gut lesbaren Mischung aus Biografie und pĂ€dagogischer Beispiel-Sammlung berichtet Hızarcı von seiner eigenen Sozialisation als âMigrationshintergrĂŒndlerâ samt der vielen Diskriminierungserfahrungen, die fĂŒr Muslime und âSchwarzköpfeâ, wie er sich selbst nennt, spĂ€testens seit dem 11. September Alltag sind. Seitdem sei er in einer Verteidigungshaltung â âund ich mag diese Rolle nichtâ, sagt der 41-JĂ€hrige bei der Vorstellung des Buchs am Dienstagabend im Pfefferberg Theater.
[2][Er selbst hat es trotz alldem geschafft], sich hochgearbeitet vom Sohn tĂŒrkeistĂ€mmiger âGastarbeiterâ zum Geschichtslehrer und allseits anerkannten Fachmann fĂŒr Antisemitismus gerade unter Muslimen, wofĂŒr er mehrfach geehrt wurde, mit dem Bundesverdienstorden und erst kĂŒrzlich mit dem Verdienstorden des Landes Berlin. Doch so richtig dazugehörig fĂŒhlt auch er sich nicht, wie er schreibt: âWer sich entscheidet, ĂŒber das Deutschsein zu richten, wer rechtsextreme Kampfbegriffe wie âPassdeutscherâ verwendet oder â wie Friedrich Merz â muslimisch gelesene mĂ€nnliche Jugendliche als âPaschasâ abwertet und kollektiviert, muss sich im Klaren sein: Ich fĂŒhle mich davon angesprochen. Und mit mir Millionen von Menschen mit Migrationsgeschichte.â
Dabei geht es Hızarcı nicht darum, den Antisemitismus unter Muslimen zu verharmlosen. âEin Teil der Muslime in Deutschland hat antisemitische Einstellungen. Tatsache!â Dies gelte aber auch fĂŒr herkunftsdeutsche oder westeuropĂ€ische Linke, ebenso fĂŒr Rechtsradikale. Ohnehin sei der Antisemitismus aus Deutschland nie verschwunden â und die AfD werde immer populĂ€rer. Das Problem auf âdie Muslimeâ, âdie FlĂŒchtlingeâ abzuwĂ€lzen, funktioniere also nicht, so Hızarcı â und sein Frust darĂŒber, dass Politik und Gesellschaft aus seiner Sicht genau dies versuchen, ist groĂ.
Das Handtuch hinwerfen mag er dennoch nicht. Weil er erfahren hat, erzĂ€hlt er im vollen Theatersaal, dass man tatsĂ€chlich etwas verĂ€ndern kann in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, âdass sie Vorurteile abbauen, wenn man ihnen auf Augenhöhe begegnet und zuhörtâ. Der Kampf gegen Antisemitismus sei zu seiner âLebenspassionâ geworden, auch damit seine Kinder â anders als er â ânicht erklĂ€ren mĂŒssen, ob sie Aus- oder InlĂ€nder sindâ.
Doch was ist zu tun, wenn die Mehrheitsgesellschaft darin versagt hat, wie er schreibt, den Antisemitismus, âdas deutscheste aller Ăbelâ, zu bekĂ€mpfen? Wenn die Mehrheit meint, selbst genug getan zu haben â und nicht versteht, dass Integration âbeide Seitenâ braucht? [3][Wenn Lehrer aggressiv auf SchĂŒler mit Kufiyas reagieren und hilflos sind], wenn auf dem Schulhof mit âDu Judeâ beleidigt wird?
Hızarcıs âKönigswegâ, gespeist aus fast 20 Jahren Antisemitismusarbeit: Zugewandtheit, Offenheit, Dialog. Es brauche âEmphatie-Trainingsâ fĂŒr Lehrer, schreibt der Lehrer. âNur wenn wir ihnen zuhören, können wir Jugendliche und Kinder gewinnen. VerstĂ€ndnis fĂŒr die eigene Situation, die eigenen GefĂŒhle und BedĂŒrfnisse zu bekommen, weitet den Horizont und ermöglicht es, andere Perspektiven anzuerkennen. Das bedeutet nicht, dass Hass oder Antisemitismus legitimiert wird.â
Wie das praktisch aussehen kann, illustriert Hızarcı an zahlreichen Beispielen, was das Buch gerade fĂŒr Lehrer zu einer hilfreichen LektĂŒre machen dĂŒrfe. AusfĂŒhrlich erklĂ€rt er etwa seine Methode zum Umgang mit SchĂŒlern, die andere als âJudeâ beleidigen. Im Kern gehe es darum, sofort zu reagieren (âWas hast du da gesagt?â), das Geschehene einzuordnen (âWas hier gesagt wurde, ist eine antisemitische Diskriminierungâ), andere Beispiele fĂŒr Diskriminierungen zu finden und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu diskutieren. Am Ende werden die Ergebnisse gesammelt, Regeln zum Umgang mit Diskriminierungen und mögliche Sanktionen vereinbart.
Mit solchen Expertisen ist die KIgA seit dem 7. Oktober zu einer noch gefragteren Ansprechpartnerin fĂŒr Schulen geworden als zuvor. Allein in den zweieinhalb Monaten bis Ende 2023 habe man ĂŒber 800 zusĂ€tzliche Beratungen gehabt, sagt Silke Azoulai vom GeschĂ€ftsfĂŒhrungsteam. Dennoch steht die weitere Finanzierung des Vereins auf der Kippe. Die von der CDU gefĂŒhrte Bildungsverwaltung will die politische Bildungslandschaft umkrempeln, das hochgelobte KIgA-Projekt â und nicht nur dieses â gelten ihr wohl nicht mehr viel.
Bei seiner Buchvorstellung hat DerviĆ Hızarcı dafĂŒr nur Bitterkeit ĂŒbrig. Dass Politiker immerzu âChanukka-Leuchter anzĂŒndenâ, als wohlfeiles Zeichen der SolidaritĂ€t sozusagen, âman aber fast schon betteln muss, um gegen Antisemitismus zu kĂ€mpfen, grenzt an Perversionâ.
7 Nov 2024
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