taz.de -- US-Armee unter Trump: Der Kampf um Fort Bragg
Trumps Verteidigungsminister Pete Hegseth kommt nicht aus den Schlagzeilen. Wie gehen die Menschen rund um die gröĂte MilitĂ€rbasis der USA damit um?
Fayetteville taz | Die Autobahn zur gröĂten MilitĂ€rbasis der Welt fĂŒhrt ĂŒber spĂ€rlich besiedeltes Gebiet. LaubwĂ€lder wechseln sich ab mit Wiesen und Kirchen aus rotem Backstein. âWelcome to Americaâs CAN DO Cityâ begrĂŒĂt Fayetteville seine Besucher.
In Fayetteville, North Carolina, liegt der ArmeestĂŒtzpunkt Fort Bragg: der Wirtschaftsmotor der Region und ein Name, der wie kein anderer auf der Welt fĂŒr US-amerikanische Macht steht. Aus Fort Bragg entsandte man mehr Soldat:innen nach Afghanistan und Irak als von jeder anderen US-Basis. Fast 50.000 Soldat:innen sind hier untergebracht, viele weitere Angestellte und Veteranen leben mit ihren Familien in Fayetteville. Spezialkommandoeinheiten sowie das Zentrum fĂŒr militĂ€rische TerrorismusbekĂ€mpfung sind in Fort Bragg stationiert.
Wie blicken Angehörige des MilitÀrs und Veteranen in Zeiten wie diesen, in denen die Ordnung der Welt sich neu sortiert, auf ihr Land?
Black Lives Matter â immer noch?
Auf halber Strecke zwischen MilitĂ€rbasis und dem mickrigen Stadtzentrum leuchtet in neongelben Lettern die Aufschrift âLiberty Island Foodsâ. DrauĂen drĂŒckt die Mittagssonne auf den Asphaltdschungel Fayettevilles. Drinnen warten der Veteran Marvin Samuels und seine Frau in einem fast leeren Restaurant fĂŒr SpezialitĂ€ten aus Jamaika auf Kundschaft.
Samuel, ein krÀftiger Schwarzer Mann, serviert Reis mit gebratenen Kochbananen und Akee, ein gekochtes SeifenbaumgewÀchs. Unpolitisch wolle er bleiben, sagt er. Aber ein Name entfalte nun einmal auch eine gewisse Wirkung. Liberty. Er lacht. Im Januar, nachdem er aus dem Armeedienst ausgeschieden war, eröffnete er sein Restaurant. Der Name sollte eine Hommage an seine Basis sein, in der er fast 20 Jahre stationiert war. Doch dann kam alles anders.
Seit seiner GrĂŒndung 1918 verdankte der StĂŒtzpunkt seinen Namen Braxton Bragg, einem General der Konföderierten, der auch nach Ende des BĂŒrgerkrieges eine Plantage mit ĂŒber 100 Sklaven besaĂ. Nach den Black-Lives-Matter-Protesten benannte das Verteidigungsministerium Fort Bragg 2023 in âFort Libertyâ um. Die Umbenennung kostete mehr als sechs Millionen Dollar.
Pete Hegseth sorgt fĂŒr Umbenennung
Im Februar ordnete Trumps neuer Verteidigungsminister Pete Hegseth mit dem Befehl âBragg is back!â die RĂŒckbenennung an, offiziell nunmehr zu Ehren von Roland L. Bragg, einem einfachen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Familie des 1999 verstorbenen hatte niemand Bescheid gesagt. Sie erfuhren durch einem Lokalreporter davon.
âFort Bragg verkörperte fĂŒr uns Soldaten immer den Stolz, hier zu dienen. Ich kannte die historische Bedeutung des Namen nichtâ, sagt Marvin Samuels. Wenige Wochen nach der Eröffnung seines Restaurants erfuhr er, dass aus Liberty wieder Bragg werden sollte. Er zuckt mit den Schultern. Die Probleme, die jetzt auf ihn zukommen könnten, fĂŒhlen sich gröĂer an als ein Name.
Der Konflikt um den neuen alten Namen wirkt wie ein Vorbote. Pete Hegseth, dem jede politische Erfahrung fehlt, verwaltet ein Budget von etwa 800 Milliarden Dollar und ĂŒbernimmt die Verantwortung fĂŒr RĂŒstungsprojekte und sicherheitspolitische Entscheidungen.
Alkohol, sexuelle Ăbergriffe, White Supremacy
[1][Die Ernennung des ehemaligen Fox-Moderators zum Verteidigungsminister] war selbst unter Republikanern kontrovers. Er gilt als Trinker, seine Ex-Frau soll sich aus Angst vor ihm im Schrank versteckt haben. Wegen sexueller Ăbergriffe hatte er 2017 einer Frau 50.000 Dollar zahlen mĂŒssen.
Auf seiner Brust trĂ€gt Hegseth das sogenannte Jerusalem-Kreuz eintĂ€towiert. Ein Symbol, das hĂ€ufig mit ultrarechten christlichen Kreisen der White Surpremacy in Verbindung gebracht wird. In Zukunft solle sich das Pentagon auf âtödliche Schlagkraft, Leistungsprinzip, KriegsfĂŒhrung und Bereitschaft konzentrierenâ, sagte er bei der Senatsanhörung vor seiner Ernennung.
Das Budget des Pentagons soll in den nĂ€chsten fĂŒnf Jahren um jeweils acht Prozent gekĂŒrzt werden: pro Jahr um 50 Milliarden Dollar. Im Kriegsveteranenministerium will man 80.000 Mitarbeiter:innen entlassen. Einige der bereits vollzogenen KĂŒndigungen befanden Gerichte als gesetzeswidrig, die Mitarbeiter:innen durften nach Wochen wieder an ihren Arbeitsplatz zurĂŒckkehren.
Von der panischen Starre, die sich in diesen Tagen durch progressive Kreise in US-GroĂstĂ€dten zieht, ist in Samuels Restaurant nichts zu merken. Ihm ist Hegseth egal. âUns Menschen im MilitĂ€r interessiert eine Sache. Unter welcher Regierung können wir am besten fĂŒr unsere Familien sorgen? Bei den Republikanern waren unsere Gehaltschecks immer am dicksten.â Und dann noch: âAber wer in diesen Tagen keine ZukunftsĂ€ngste hat, der spinnt.â
Wenn die Regierung tatsĂ€chlich die Richtung einschlagen wird, in die sie sich gerade bewegt, könnten viele MilitĂ€rangehörige ihre Jobs verlieren, glaubt er. In der Stadt herrsche ein GefĂŒhl von Unsicherheit. Obwohl bei den vergangenen drei Wahlen 60 Prozent aller Veteranen und Reservisten fĂŒr Trump gestimmt haben.
Das Ende von DiversitĂ€tsprogrammen beunruhigt Samuels weniger, auch wenn er selbst Diskriminierung in der Armee erfahren hat. Auch unter Schwarzen hĂ€tte es KonkurrenzkĂ€mpfe gegeben. Trump sei nun mal ein Puppenspieler und sein Kabinett ein Haufen Marionetten. âWenn sie die DiversitĂ€t vor ihrer Nase nicht anerkennen wollen, heiĂt das, sie fĂŒrchten sie?â
Dem MilitÀr fehlt es an Nachwuchs
Ende des Zweiten Weltkrieges bestand das US-MilitĂ€r aus zwölf Millionen Soldaten im aktiven Dienst. Heute sind es 1,3 Millionen, obwohl die Bevölkerung sich seitdem verdoppelt hat und das MilitĂ€r auch Frauen zulĂ€sst. Es fehlt an Nachwuchs. Laut einer Studie des Pentagons haben drei Viertel der jungen Amerikaner:innen zwischen 17 und 24 entweder Ăbergewicht, schaffen den Eignungstest nicht, wĂŒrden unter psychischen und physischen EinschrĂ€nkungen leiden oder seien vorbestraft.
Fragt man Donald Trump oder Pete Hegseth, dann ist es die âwokeâ Entwicklung des MilitĂ€rs, die junge Menschen vom Eintritt in die Armee abhĂ€lt. Den von Hillary Clinton und Joe Biden viel zitierten Satz âUnsere Vielfalt ist unsere StĂ€rkeâ bezeichnete Hegseth als âden dĂŒmmsten Satz in der MilitĂ€rgeschichteâ. Gleichstellungsinitiativen wĂŒrden spaltend wirken und junge christliche MĂ€nner abschrecken. Dabei geben die allermeisten von ihnen in Umfragen als HauptgrĂŒnde fĂŒr ihr Desinteresse am MilitĂ€r die Angst vor dem Tod, Verletzungen und posttraumatischer Belastungsstörung an.
Kampf der âWokenessâ in der Armee
Trotzdem hat Hegseth der âWokenessâ den Kampf erklĂ€rt. Ein Dekret, um trans* Menschen aus dem Armeedienst zu verbannen, wurde bereits unterschrieben, auch wenn es derzeit per richterlicher Anordnung vorlĂ€ufig gestoppt ist. Die neue Regierung entlieĂ, kaum im Amt, den Schwarzen Kampfpiloten und Generalstabschef Charles Q. Brown und die Kommandantin der KĂŒstenwache Linda Lee Fagan, die ihre Posten beide jeweils als erster Schwarzer und als erste Frau bekleidet hatten.
[2][Seit dem Signal-Gate], bei dem Trumps Sicherheitsberater einen streng geheimen MilitĂ€rschlag im Jemen per Signal-Chat diskutierten und ein Journalist die interne Kommunikation mitlesen konnte, sind einige hochrangige MilitĂ€rvertreter verĂ€rgert, berichten Medien. SchlieĂlich war es die Sicherheit der Piloten, die man durch das fahrlĂ€ssige Verhalten aufs Spiel setzte. âWir können nicht darauf vertrauen, dass es dem Pentagon wirklich um unsere Sicherheit gehtâ, sagten sie der New York Times. Dass Pete Hegseth versuchte, die Schwere des Vorfalls herunterzuspielen, statt den eigenen Fehler zuzugeben, machte das Ganze nur noch schlimmer.
SchrĂ€g gegenĂŒber von Samuels Restaurant, im Pfandleihhaus fĂŒr MilitĂ€rzubehör, kriegt man von den VerĂ€nderungen unter der neuen Regierung nur am Rande etwas mit. Alles hier ist wie immer. Die immer gleichen armen Schlucker, die ihre BesitztĂŒmer verpfĂ€nden. Die DrogenabhĂ€ngigen in den StraĂen Fayettevilles. Die trostlose Langeweile. Hier kaufen und verkaufen sie MilitĂ€rrucksĂ€cke, Revolver und Jagdgewehre, patriotische Poster mit Szenen aus dem Vietnamkrieg.
In einer Glasvitrine sind gold-glitzernde Eheringe wie traurige Zeugen gescheiterter Ewigkeit aufgereiht. In der Mitte prangt einer mit vergoldetem HanfblĂ€ttchen. âDer Mann wird ins Ausland versetzt, die Frau bleibt hier und geht fremd. Dann trennen sie sich und bringen uns den Ringâ, erklĂ€rt der Angestellte so heiter, als wĂŒrde er eine Episode aus seiner liebsten Telenovela nacherzĂ€hlen.
Dass man das Verteidigungsbudget kĂŒrzen will, wusste er noch nicht. Aber bei all der Verschwendung und Korruption, die er von plauderfreudigen Kunden aus nĂ€chster NĂ€he mitbekommt, hĂ€lt er das fĂŒr eine gute Idee.
MilitÀr ist in Fayetteville omniprÀsent
In Fayetteville ist das MilitĂ€r allgegenwĂ€rtig. In der Mall hĂ€ngen Jeans im Military-Look, Stripclubs locken mit Werbebannern, auf T-Shirts stehen SprĂŒche wie âProud Army Momâ. Ăberall wuseln Menschen in Uniform herum. Aber wer im aktiven Dienst ist, darf keine politischen Aussagen machen und soll nicht mit Medien sprechen. Nur eine Frau mit Pferdeschwanz zieht ihre Augen zu Schlitzen und gibt mit passiv aggressiver Stimme von sich, sehr gut wĂŒrde es laufen.
Renate trĂ€gt keine Uniform mehr, als sie durch die Mall streift. Es ist ihr Geburtstag. Sie hat dickes, blau leuchtendes Make-up aufgetragen, das ihr von den Wimpern tropft. Im Vorbeigehen raunt sie: âIch bin auch aus Deutschland!â Renate stammt aus Bamberg. In den Sechzigerjahren verliebte sie sich in einen US-amerikanischen Soldaten, der in Deutschland stationiert war. Die beiden heirateten. Sie zog mit ihm nach Fort Bragg, nahm die US-amerikanische StaatsbĂŒrgerschaft an und ging als IT-Frau selbst zum MilitĂ€r.
Jetzt ist der Mann schon lange tot, die Tochter und der Trump-wĂ€hlende Schwiegersohn leben in Washington. Renate ist alleine in Fayetteville geblieben und vermisst ihre deutsche Heimat. Alle Nachbarn in ihrer Siedlung seien Veteranen, sagt sie. Und alle seien sie entsetzt ĂŒber ihr Land. Renate fĂŒrchtet, dass man ihr [3][die Krankenversicherung wegnehmen] könnte. Dem Schwiegersohn wird man wahrscheinlich seine Versehrtenrente kĂŒrzen. Vielleicht wird er dann endlich einsehen, was Trump anrichtet. Sie kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.
4 Apr 2025
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