taz.de -- Ausstellung in der Kunsthalle Hamburg: Epoche und Denken statt Nation und Genie
Mit dem Zyklus „Kunst um 1800“ hatte Hamburgs Kunsthalle das Format Ausstellung revolutioniert. Jetzt greift sie auf diesen Aufbruch zurück.
Ein Museum kann vieles sein: Archiv und kontemplative Kulturstätte, Showroom oder angesagter Selfiespot. Oder auch und viel zu selten Ort einer attraktiv publik gemachten Forschung über die Wirksamkeit der Bildermacht. [1][Auch prägende Leitungspersonen und Kuratoren können Interesse begründen].
Bei der Hamburger Kunsthalle wird der wegweisende Alfred Lichtwark verehrt. Der war von 1886 bis zu seinem Tod 1914 der erste Direktor. Ähnliche Relevanz wird in neuerer Zeit aber auch Werner Hofmann (1928–2013) eingeräumt. Der aus Wien gekommene Kunsthistoriker hat als eher „links“ eingeordneter Direktor von 1969 bis 1990 das Haus gehörig entstaubt.
Unter anderem hat er den herausragenden Ausstellungszyklus „Kunst um 1800“ erfunden und realisiert. Die höchst komplexe damalige Umbruchszeit zwischen Klassizismus, Revolution und Romantik wurde in neun Ausstellungen von 1974 bis 1981 in dieser Art erstmalig weitgespannt länderübergreifend und politisch dargestellt.
Angefangen mit dem wirkmächtigen, wenn auch fiktiven altnordischen Barden Ossian und den Retro-Träumen einer von der Moderne oft überforderten Gesellschaft, erweiterte der Zyklus die bisherigen Darstellungen. Waren die meist national und auf das Künstlergenie bezogen, wagte man nun eine thematisch orientierte, europaweite Epochenübersicht.
Jenseits der Nationalstile
Die befasste sich mit dem Schweizer Johann Heinrich Füssli und dem Schweden Johan Tobias Sergel, mit Philipp Otto Runge, John Flaxman und William Blake sowie Turner und Goya. [2][Trotz des nicht nur kunsthistorisch analytischen Tiefgangs] und vieler Textmaterialien stieß das beim Publikum auf großes Interesse. So kamen zur Caspar-David-Friedrich-Ausstellung, die 1974 massiv und unübersehbar dessen Vereinnahmung und Missbrauch durch die Nazis thematisierte, rekordverdächtige 220.000 Besucherinnen und Besucher.
An den inhaltlich und formal bahnbrechenden „Um 1800“-Zyklus erinnert nun ein schon 2017 begonnenes Universitätsprojekt. Das präsentiert seine Ergebnisse derzeit im auratischen Kuppelsaal der Kunsthalle. Es ist eine ungewöhnliche Kooperation, auch wenn daran zu erinnern ist, dass das Kunsthistorische Seminar bis 1967 seine Räume in der Kunsthalle hatte.
Mit dem Untertitel „Eine Ausstellung über Ausstellungen“ [3][ist die Präsentation zuerst einmal eine Hommage an Werner Hofmann]. Darüber hinaus verweist sie als eine Art Remix mit einigen der auch damals gezeigten Schlüsselbildern des Hauses in zehn Abschnitten auf die wichtigsten Themen in ihrer bis heute wirkenden Relevanz.
Dazu wird der Blick für eine neue Generation mit einst trotz Hofmann-typischer polyfokaler Sicht damals untergewichteten Gesichtspunkten erweitert: die Rolle der Frauen, die eigenständige jüdische Aufklärung, die Sklaverei, das erste [4][schwarze Kaiserreich auf Haiti] sowie die nahezu kosmischen Dimensionen der Ereignisse vor mehr als 200 Jahren.
Wieder und immer gültig mahnt Goyas Radierung „Der Schlaf der Vernunft gebiert Monster“ zur Wachsamkeit. Der spanische Titel kann aber auch so übersetzt werden, dass der grenzenlose Traum der Vernunft in Terror umschlägt. Auch Daniel Chodowieckies neu entdecktes Bild der vor acht Vertretern aller europäischen Religionen als Göttin im Strahlenkranz erscheinenden Toleranz hat als Leitbild nichts an Gültigkeit verloren.
Hofmanns Begriff der „Kontrastkoppelung“ haben die Kuratoren Petra Lange-Berndt, Professorin am Kunstgeschichtlichen Seminar der Uni Hamburg, und Dietmar Rübel, der an der Akademie der Bildenden Künste München als Professor lehrt, hier mit Kunstzitaten aus der Gegenwart angewendet: Sigmar Polke ist mit einer Referenz auf die deutsche Revolution von 1989 dabei, Mark Dion mit einer Guillotine für die Oligarchie und Kara Walker gibt Hinweise zur Sklaverei.
Dazu hat der 1983 in Halle geborene Künstler Marten Schech die Ausstellungsarchitektur entworfen und um eigene Arbeiten in einer Art Grotte bereichert. Ganz in Hofmanns Sinne, geht es auch wieder um die Ambivalenz menschlichen Handelns und die Mehrdeutigkeit der Bilder.
Die romantische Landschaft ist nicht nur romantisch
So ist die Landschaft um 1800 nicht nur schön und in naivem Sinne „romantisch“. Sie erweist sich als aus Einzelteilen idealisch konstruiert, dabei teils auch ökonomisch motiviert und ist meist religiös oder politisch besetzt. Und das nicht nur, wenn bei Caspar David Friedrich Gräber von Freiheitskämpfern im Bild auftauchen.
Auch Eisschollen – 1820 real an der Elbe erlebt – werden zum Symbol der kalten Restauration. Schon die Ausbrüche des Vesuvs konnten seinerzeit als das geologische Äquivalent der naturnotwendigen gesellschaftlichen Umwälzungen gelesen werden. Manchmal dienten sie aber auch als Vergleich zu den lodernden Feuern frühindustrieller Hüttenwerke.
Zu erleben, eher zu studieren ist eine vielschichtige, sehr akademische Ausstellung, die allen, die sich darauf einlassen, mannigfache Anregung bietet. Doch Zehntausende werden dazu wohl eher nicht herbeiströmen.
14 Jan 2026
LINKS
[1] /Ueber-den-musealen-Rahmen-hinaus/!1545910&s=Werner+Hofmann+Hamburg+Kunsthalle&SuchRahmen=Print/
[2] /Merve-Geschaeftsfuehrer-ueber-neue-Denker/!5035201
[3] https://www.hamburger-kunsthalle.de/de/ausstellungen/kunst-um-1800
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