taz.de -- editorial: In dieser literataz
Nichts als Gespenster beschwor die Meisterin der kurzen Form Judith Hermann für gewöhnlich in ihren Erzählungen. In ihrem neuen Buch legt sie das Besteck an ihren SS-Großvater an. Ist dafür das Messer wirklich scharf genug? Oder schneidet man sogar zu viel ab, wenn man wie Lukas Rietzschel in einem Roman die ganze DDR im Kleinen erzählen will?
Sie sind auf jeden Fall in dieser literataz präsent, die Gespenster der Vergangenheit, und nicht nur als gute Geister, wie die titelgebenden, schillernden Ostküstenintellektuellen Siri Hustvedt und Paul Auster.
Statt nur die Vergangenheit zu beschwören, analysiert Eva von Redecker die Gegenwart, die im populären „Drang nach Härte“ neue Faschismen hervorbringt. Etwa den technolibertären „Muskismus“, der nach Kontrolle über unsere Gehirne strebt, wie Quinn Slobodian und Ben Tarnoff in „Aufstieg und Herrschaft eines Technoking“ nachzeichnen.
Gegen Manipulation wehrt sich eine Gesellschaft am besten durch öffentliche, von vielfältigen Argumenten getragene Debatten. Doch was tun, wenn die Meinungsfreiheit ernsthaft in Gefahr ist, wie Ronen Steinke warnt? Vielleicht hilft es, erst mal den eigenen Kopf zu sortieren – um, befreit von Hormonnebel und Tabus, politisch klarer zu sehen, wie Rinah Lang in ihrem Menopausencomic?
Klarheit gewinnen und das gute Leben für alle nicht aus dem Blick zu verlieren – das wünschen wir Ihnen bei der Lektüre der von uns ausgewählten Frühjahrsbücher!
Nina Apin, Julia Hubernagel
14 Mar 2026