taz.de -- Trend des Gürtels: Ein dominierendes Accessoire
Ob schmal oder breit, geflochten oder seitlich gebunden: Gürtel tragen ist in. Sind sie bloß weitere Requisiten des GenZ-Körperkultes oder mehr?
Bild: Ist sie das, die goldene Mitte?
Wer will, kann den Gürtel einfach übersehen. Die meisten Outfits brechen nicht zusammen, wenn er fehlt. Ihn gering zu schätzen, wäre trotzdem ein fataler Fehler. Denn wo ein Gürtel ist, da stellt sich die Frage der Macht – was uns direkt zum heimlichen Haupttrend dieses Frühlings führt.
Auch die Wirtschaftsministerin folgt ihm. Kein Wunder, schließlich passt der Gürtel recht gut zum schneidigen Ton der Katherina Reiche. Hier hat sich jemand im Griff und macht das, um wirklich überhaupt keinen Zweifel aufkommen zu lassen, mit einem der lautesten Modetricks der 80er deutlich: Gürtel über Blazer.
Ich bin alt genug, um mich an die Originale zu erinnern. Etwa an die imposanten Gürtel, die Tess (Melanie Griffith) 1988 in Working Girl trug. Kombiniert mit engem Rock und schwarzem Jackett oder royalblauem kurzen Strickjäckchen. Immer mit sehr viel Modeschmuck und einer blonden Mähne, die vor Haarspray durch den Bildschirm knisterte. Es war toll.
Von ihrer unverschämt faulen Chefin aus der Upper-Class (Sigourney Weaver) lässt sich die intelligente, sexy Tess, die jeden Morgen die Fähre nach Manhattan nimmt, die Ideen klauen. Dann die allerersten Halbschritte aus dem ausbeuterischen Verhältnis heraus. Tess durchschaut das Spiel. Ihre Gürtel werden dezenter, die Haare sleeker. Staten Island gewinnt.
Gar nicht märchenhaft
Ich mache mir da überhaupt keine Illusionen. Die Gürtel des Jahres 2026 haben gar nichts von diesem Märchen und weitaus weniger komödiantisches Talent. Bei Zara hingen neulich im Schaufenster gleich zwei über je einem blockartigen Stuhl. Griffbereit, ähnlich einer Peitsche.
Die jungen Menschen scheinen mittlerweile die alten Assoziationsketten vergessen zu haben. Shoppingredakteurin Megan Uy staunt geradezu über das „fulminante Comeback des Gürtels“. War er nicht weg? Sie jedenfalls habe, [1][schreibt Uy] auf der UK-Cosmopolitan-Seite, bis jetzt nur den GG-Gucci-Belt wirklich ernst genommen.
Vorbei die Zurückhaltung. Bitte, greifen Sie zu! Schnallen Sie sich in aller Ruhe zwei, drei, vier Gürtel parallel um die Körpermitte. Ein klassenbewusster schmaler Gürtel oder seitlich gebundene mönchisch angehauchte Langgürtel tun es auch. Machen Sie eine Radikalitätsanleihe beim Klerus, geben Sie sich einen gefährlichen Touch von unterdrückter Libido, ach, was soll’s.
Was, wenn die Mitte leer ist?
Ich könnte ja einfach behaupten, dass die neuen Gürtel bloß weitere Requisiten des GenZ-Körperkultes sind. Aber ich denke, dass mehr dahinter steckt. Dass diese mal diskreten, mal lauten Gürtel nicht nur die vermeintlich starke Körpermitte einzeichnen, sondern einer verzweifelten Suche ähneln. Was, wenn die Mitte leer ist? Das Gute ist, man kann es selbst sofort ausprobieren.
Nur Mut. Bleiben Sie mal ganz still stehen, wenn Sie Ihren Gürtel anlegen, ihn durch die Schlaufen Ihrer trendy High-Waist-Hose ziehen. Merken Sie etwas? Es ist die Geste. Der Moment, in dem der Gürtel, und sei es nur ein schwarzer, superschmaler, einen Kreis aus Gefühlen, Wünschen und Absichten um den Körper bildet.
Mir fällt mein alter billiger Sommergürtel aus geflochtenem Kunstleder wieder ein. Im Kaufhaus gab es ihn als Beigabe zu einem engen Kleid aus Feinripp. Mein Vater hasste ihn für seine Unbescheidenheit, musste die Riesenkröte aber schlucken und für die Dauer dieses Looks das indezente, laute und böse Mädchen ertragen, das ich gern gewesen wäre.
Eine ziemlich feste Sache
[2][„It’s vintage and it’s bold“], preist Influencerin Helecia Williams den Gürteltrend. Ja, alt, und ja, kraftvoll. Ein Gürtel reißt nicht. Er ist eine ziemlich feste Sache. Das kann zum Problem werden.
Mancher Patriarch hat mit dem Gürtel demonstriert, hallo Zara, wer hier gefälligst das letzte Wort hat. In der Haft wird er einem abgenommen, damit man sich nicht damit erhängt. Lange galt er als kleinster, unpfändbarer Besitz eines Menschen. Wurde jemand zum Tode verurteilt, teilten sich nach der Hinrichtung der Henker und der Amtsdiener das, was der Tote am Leibe trug. Dem Amtsdiener gehörte alles oberhalb der „Demarkationslinie“ Gürtel, dem Henker, was sich unterhalb des Gürtels befand – und der Gürtel selbst.
Welch unglaubliches Bild! Ähnlich auch der mittelalterliche Brauch des Gürtellösens. In der Hochzeitsnacht öffnete der Mann den Gürtel der Frau. Er, nicht sie, gab damit die Erlaubnis für Sex. Wer die Hand am Gürtel hat, hat die Kontrolle.
Schon der antike Held Odysseus nutzte das für eine List und ließ sich auf Rat der Zauberin Kirke am Mast seines Schiffes festbinden. Seine Mannschaft musste sich die Ohren zustopfen und navigieren. Nur Odysseus durfte sich dem Gesang der Sirenen hingeben, für eine Weile verrückt werden vor Lust und Wissensdurst und nicht daran sterben. Mit dem Gürtel bewahrte er seine Macht. Ist es das, was wir uns wünschen?
6 May 2026
LINKS
[1] https://www.cosmopolitan.com/uk/fashion/style/a70818393/belt-trend-2026/
[2] https://youtu.be/7rXkbudw2Lo?si=QoR71va94C_23bNX&t=544
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