taz.de -- Nach dem Marathon-Weltrekord: Die neue Freude an Rekorden

Der Glaube an den Sport ist zurück. Selbst die irrsten Bestzeiten werden gefeiert, als sei nie jemand gedopt in einen Wettkampf gegangen.

Bild: Der Schuh des Marathoni: Kultobjekt aus Herzogenaurauch

Zwei Honigbrote hat Sebastian Sawe also gegessen, bevor er am vergangenen Sonntag in London [1][als erster Mensch der Welt einen Marathon in einer Zeit von weniger als 2 Stunden gelaufen] ist. Früher habe er auch mal drei Honigbrote vor einem Rennen gefrühstückt, jetzt esse er weniger. Das sagte der Kenianer zu Wochenbeginn in Herzogenaurach und wird wohl selbst kaum geglaubt haben, dass irgendjemand in seinen geänderten Morgengewohnheiten die Erklärung für die Fabelzeit von 1:59:30 Stunden sehen könnte.

Der Hersteller des Schuhs, den Sawe in London getragen hatte, hatte den Marathonmann nach Franken an seinen Firmensitz geholt. Jenes Produkt aus ultraleichtem Schaumstoffmaterial, in das eine federnde Carbonplatte eingearbeitet ist, hatte Sawe nach dem Marathon in die Kameras gehalten. Am Schuh lag’s also. Oder waren die neuen Trainingsintensitäten entscheidend? Oder doch das Essen? Nicht die Honigbrote, sondern jene Sportgels, mit denen Ausdauersportler binnen kurzer Zeit irrwitzige Mengen an Kohlehydraten während der Rennen zu sich nehmen können?

Oder Doping? Sawes Trainer hat schon mal jemanden betreut, der mit verbotenen Substanzen erwischt worden ist. Im allgemeinen Jubelrausch darüber, dass jemand eine Grenze gesprengt hat, die für Menschen lange als unüberwindlich galt, war nicht viel Raum für Zweifel. So kannte auch die Freude über die Marathonbestzeit für reine Frauenrennen, die Tigst Assefa ebenfalls in London aufgestellt hatte, kaum Grenzen. Die Sportwelt verbeugte sich vor der Äthiopierin, und kaum einer äußerte grundsätzliche Zweifel an der Szene der Langstreckenläuferinnen. Dabei war erst im vergangenen Sommer Weltrekordlerin Ruth Chepngetich [2][nach einem positiven Test suspendiert] worden.

Staunen vor Begeisterung

Es gibt ein neues Grundvertrauen in sportliche Leistungen. Davon profitiert auch der Radsport. Dessen Dominator Tadej Pogačar gewinnt nicht nur beinahe jedes Rennen, zu dem er antritt, sondern stellt dabei auch eine Bestzeit nach der anderen auf. So hat er [3][beim letzten großen Frühjahrsklassiker Lüttich–Bastogne–Lüttich] am vergangenen Sonntag beim Weg auf die Côte de la Redoute eine neue Rekordzeit aufgestellt. Dass ihn das im Gleichtritt mit dem erst 19-jährigen Franzosen Paul Seuixas gelungen ist, hat die Menschen fasziniert.

Die alten Rekorde auf den Hochgebirgsstraßen, die nach und nach von Pogačar regelrecht pulverisiert werden, stammen aus der Hochzeit des Blutdopings. [4][Nach der Jahrtausendwende regierte der Zweifel an den Leistungen des Peloton]. Heute herrscht staunende Begeisterung darüber, dass beim Kopfsteinpflasterklassiker ein neuer Geschwindigkeitsrekord aufgestellt worden ist. 48,91 km/h sind die Fahrer auf den 258,3 Kilometern im Schnitt gefahren. Die Sportgemeinde geht davor in die Knie, statt sich wie zu Beginn des Jahrtausends von der pharmazeutisch angetriebenen Zunft abzuwenden.

Der Sport funktioniert immer dann am besten, wenn die Illusion eines fairen Wettbewerbs besteht. Der Glauben an das Gute im Ausdauersport scheint derzeit intakt zu sein. Kaum eine fühlt sich betrogen. Umso erstaunlicher ist, dass so viele Entscheidungsträger auch in der Politik den Sport vor allem durch die Teilnahme von trans Athlet:innen an Frauenwettbewerben in Gefahr sehen. Während die Rekorde nur so purzeln, sind im Hochleistungssport der Frauen kaum trans Athletinnen am Start. Dabei gibt es trans Sportlerinnen. Und doch gelten sie als Problem, während man die neuen Rekorde beinahe auf fast schon naive Weise feiert.

2 May 2026

[1] /Rekord-beim-London-Marathon/!6174174

[2] https://www.sportschau.de/leichtathletik/marathon-weltrekordlerin-chepngetich-gesperrt,chepngetich-100.html

[3] /Radsportwunder-aus-Frankreich/!6174300

[4] /Jan-Ullrichs-Comeback-in-den-Medien/!5972889

AUTOREN

Andreas Rüttenauer

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