taz.de -- Rekord beim London-Marathon: Oh Sohle mio!
Sabastian Sawe gelingt, worauf Lauffans aus aller Welt schon lange warten: Ein Marathonlauf unter 2 Stunden. Lag es an den Schuhen?
Bild: Marathonläufer Sebastian Sawe beim Überqueren der Ziellinie in London
Diese magische Marke von zwei Stunden zu unterbieten, danach haben sich seit etlichen Jahren viele in der Leichtathletik-Welt gesehnt. Und weil einige es so gar nicht abwarten konnten, wurde es bereits unter künstlichen Laborbedingungen versucht. Im Mai 2017 etwa scheiterte der Kenianer Eliud Kipchoge auf der Formel1-Strecke im italienischen Monza an dem Vorhaben trotz immer wieder frisch eingewechselter Tempomacher.
Erst in einem zweiten Versuch in Wien schaffte es [1][Kipchoge im Oktober 2019 mit 1:59:40 Stunden] in einem eigens für ihn ausgerichteten Rennen. Dass dieser Zeit die offizielle Anerkennung versagt bliebt, war ihm erst einmal egal.
In einem offiziellen Rennen aber gelang es am Sonntag nun dem 29-jährigen Kenianer Sabastian Sawe als erstem Menschen beim Marathon in London, diese magische Marke zu unterbieten. Und er wollte diesen historischen Erfolg, diesen so besonderen Moment, nicht als einen rein individuellen Triumph feiern. Er bedankte sich mit seinen ersten Worten beim Publikum an der Strecke: „Was ich heute erreicht habe, ist nicht nur mein Verdienst, sondern der Verdienst von uns allen hier in London.“
Nach 1:59:30 Stunden überquerte Sawe die Ziellinie und hatte den Weltrekord von seinem Landsmann Kelvin Kiptum, der 2023 in Chicago 2:00:35 Stunden lief, fast um eine Minute aufgebessert. Kiptum war nur wenige Monate später im Februar 2024 bei einem Verkehrsunfall in seiner Heimat ums Leben gekommen.
Die Magie aus der Sohle
Auf den Rekordmann Sawe hätte vor nicht allzu langer Zeit kaum einer wetten wollen – vermutlich nicht einmal er selbst. Seine Karriere hat in den letzten Jahren einen extrem steilen Verlauf genommen. Langstreckentalente gibt es in Kenia in unübersichtlich großer Zahl. Nur dank guter Beziehungen seines Onkels geriet er ins Blickfeld des italienischen Startrainers Claudio Berardelli, der allerdings auch schon ins [2][Visier von Dopingermittlungen] geriet. Der erste große internationale Auftritt von Sawe beim Sevilla-Halbmarathon 2022 war sogleich spektakulär. Als Tempomacher sollte er ausprobiert werden und lief dann in Jahresweltbestzeit (59:02 Stunden) als Erster über die Ziellinie.
Von da an zogen andere für den in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsenen Kenianer das Tempo an. Schon beim Berlin-Marathon vergangenen Herbst spekulierten nicht wenige Expertinnen und Experten auf einen Weltrekord von ihm. Die zu hohen Temperaturen machten dies aber unmöglich. Sein Trainer Berardelli sagte damals: „Ich kann nicht vorhersehen, was möglich sein wird – aber ich freue mich darauf, es herauszufinden.“
Mit dem Äthopier Yomif Kejelcha gelang es in London obendrein noch einem zweiten Läufer, die Zwei-Stunden-Marke zu unterbieten (1:59:41 Stunden). Der Dritte, Jacob Kiplimo aus Uganda, blieb wiederum nur denkbar knapp darüber (2:00:28 Stunden). Das waren weitere Hinweise darauf, wie gut die äußeren Bedingungen in London waren.
Über die „inneren Bedingungen“, sprich Doping, wird übrigens trotz vermehrter Rekordschübe in den letzten Jahren gar nicht mehr so viel gesprochen. Vielmehr sind stattdessen die Wunderschuhe das große Thema, in dessen Plateausohlen Spezialschaumstoffe und Karbonschienen verbaut sind. So war der magische Weltrekord am Sonntag auch eine große Feierstunde für Adidas. Der Sportartikelhersteller ließ Sawe den Schuh in die Kameraobjektive halten. Seine Rekordzeit war handschriftlich darauf festgehalten.
26 Apr 2026
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