taz.de -- SchülerInnen machen NS-Ausstellung: Lehrstunde mit Hélène Fauriat
Wo NS-Zwangsarbeiter schufteten, entsteht in Schönefeld ein Gymnasium. Schüler:innen sind der Sache nachgegangen – daraus wurde eine Ausstellung.
Bild: Protagonistin Hélène Fauriat mit ihrer Tochter Colette ca. 1943 in Frankreich
Eine gläserne Vitrine steht im Raum. Aber keine güldenen Preziosen blinken dort – sondern ein rostiges Stück Stacheldraht. Weiterhin zu sehen sind die Reste einer blechernen Essensschlüssel. Nicht immer kommen Schätze zum Vorschein, wenn Archäologen sich an Notgrabungen machen, weil eine Bebauung erfolgen soll. Es sind Gegenstände aus der jüngsten Vergangenheit, die entdeckt werden.
Der Stacheldraht erinnert an ein Lager für Zwangsarbeiter, das dort in Schönefeld während der NS-Zeit stand. Die Henschel-Werke hatten am südlichen Stadtrand Berlins eine Flugzeugfabrik errichtet – die Urzelle des heutigen Airports BER. 15.000 Beschäftigte schufteten dort im Krieg, darunter 5.000 Zwangsarbeiter, viele davon Frauen. Stacheldraht und Essensschüsseln wurden auf dem Gelände gefunden, das früher einmal als „Lager V“ firmierte. Dort waren die sogenannten Ostarbeiter untergebracht, vor allem Menschen aus der Sowjetunion, die besonders furchtbaren Haftbedingungen unterlagen.
An diesem Ort entsteht heute der Neubau des Amy-Johnson-Gymnasiums. Deren Französisch- und Geschichtslehrer Fabian Papadopoulos-Koop hatte eine Idee: Warum nicht im Unterricht genau diese Geschichte aufbereiten? Warum nicht Französisch und Geschichte verbinden? Schließlich kannte er Colette, die Tochter einer verstorbenen französischen Widerstandskämpferin und Zwangsarbeiterin, Hélène Fauriat. Und Papadopoulos-Koop (39) leitete gerade eine kleine Französisch-Klasse, bestehend aus zwölf Schülerinnen und Schülern, bei der keine Prüfung im Abitur anstand. „Das ergab die Möglichkeit, den Rahmenlehrplan über den Haufen zu werfen“, sagt er am Telefon.
So kommt es, dass die 18-jährige Celina Klemm heute sagen kann, die Zeit von Nationalsozialismus und Krieg sei für sie „viel greifbarer“ geworden. Vorher habe sie sich das „nicht so richtig vorstellen können“, denn das liege alles „so weit zurück“, erzählt die Schülerin, die gerade mitten in den Abiturprüfungen steckt. Klemm und ihre Mitschüler haben sich nämlich nicht nur über das Zwangsarbeiterlager informiert. Sie haben zusammen mit Kurator Simon Stöckle die Ausstellung mit dem rostigen Stück Stacheldraht konzipiert, die derzeit im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide zu sehen ist.
In der Mitte der Schau befindet sich ein Modell des Lagers V von Schönefeld. Man sieht Baracke an Baracke, dicht an dicht. Nachgebildet ist auch der Stacheldraht, dessen Original ein paar Meter weiter ausgestellt wird. Hélène Fauriat lebte und arbeitete ein Stück entfernt im Lager VII, in einer Fabrikhalle. Dort wurden die Flügel für die Flugzeuge montiert, die in Europa Tod und Verderben über Dörfer und Städte brachten. Für Fauriat und die anderen Zwangsarbeiter hieß das: siebenmal Tagschicht, siebenmal Nachtschicht, immer abwechselnd, immer 12 Stunden lang.
Hélène Fauriat hat lange nach dem Krieg ein Buch über ihre Erlebnisse geschrieben, „Noël à Schönefeld“ (Weihnachten in Schönefeld) heißt es. Die Schülerinnen und Schüler haben es gelesen. Sie sind nach Ravensbrück in die Gedenkstätte gefahren und haben dort das Originalmanuskript gesehen. In das Frauen-KZ war Fauriat zuerst verschleppt worden, nach dem die Nazis ihre Arbeit im französischen Widerstand entdeckt hatten. Sie und ihr Mann Marcel hatten sich einer Gruppe angeschlossen, die Lagepläne von Bahnhöfen und Flugplätzen nach London schmuggelten.
Wie sie entdeckt wurden, weiß man bis heute nicht. Der Ehemann kam ins KZ Dachau, die zweijährige Tochter Colette blieb bei Verwandten in der heimatlichen Kleinstadt zurück.
Hélène Fauriat blieb nicht lange in Ravensbrück. Die SS deportierte sie in eines von Dutzenden Außenlagern – nach Schönefeld, zu den Henschel-Werken, wo das Lager VII direkt dem KZ unterstand. Am 21. 7. 1944 traf Fauriat dort ein. „Es war mir gelungen, in der hohlen Hand einen Waschlappen, ein Taschentuch, meine Zahnbürste, den Rest eines Kamms und ein kleines Foto von Marcel zu verstecken“, schreibt sie, wie in der Ausstellung zu lesen ist. Daneben ist das eingeschmuggelte Bild ihres Ehemanns zu sehen, ganz verknittert vom vielen Falten im Versteck. Hélène arbeitete am Fließband, schlug Nieten ein.
Die Schülerinnen und Schüler haben die Texte und Bilder in der Ausstellung ausgewählt. Die Erinnerungen hatte Tochter Colette nach dem Tod ihrer Mutter der Gedenkstätte Ravensbrück übereignet. „Die Biografie von Hélène Fauriat zeigt uns, was Widerstand bedeutet – und dass persönliche Erfahrungen helfen, die NS-Zeit zu verstehen und begreifbar zu machen“, schreiben die Schüler.
An einer Tafel hängen kleine Figuren aus Metall, ein Kleeblatt, ein Ring, ein Elefant. Es sind Gegenstände, die die Gefangenen wie Fauriat in ihrer kargen Freizeit aus dem Arbeitsmaterial gestalteten.
Kurz vor Kriegsende ist Fauriat noch weiter verschleppt worden, zuerst in ein anderes Außenlager und dann ins KZ Sachsenhausen. Die damals 27-Jährige war schwer erkrankt. Der Todesmarsch der Häftlinge blieb ihr dadurch erspart. Am 22. April wurde sie von der Roten Armee befreit.
„Die Geschichte wurde persönlicher“, sagt Celine Klemm. Alle paar Wochen seien Mitarbeiter der Gedenkstätte nach Schönefeld in die Schule gekommen. Im Januar fand ein Gestaltungsworkshop statt. Kurator Stöckle ist des Lobes voll über die Kooperation mit dem Gymnasium: Lehrer Koop-Papadopoulos sei „total engagiert“ gewesen. „Ich war überrascht, wie interessiert und fokussiert die Schüler gearbeitet haben“, sagt Stöckle.
Koop-Papadopoulos denkt schon über die nächste schulische Aktion nach. „Man müsste etwas Dauerhaftes an das neue Schulgebäude anbringen, das an das frühere Zwangsarbeitslager erinnert“, sagt er.
21 Apr 2026
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Schwerpunkt Nationalsozialismus
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