taz.de -- Haus der Kulturen der Welt in Berlin: Betrogene Schützen
Eine Ausstellung im Berliner HKW erinnert an Männer aus Afrika, die in europäischen Armeen kämpften. Ihr Beitrag wird systematisch ignoriert.
Eine Assemblage von Daniel Lind-Ramos ist es, die im Zentrum der großen Ausstellungshalle ins Auge sticht. Der Künstler aus Puerto Rico hat aus Stahlhelmen, Kochtöpfen, Munitionskisten, Fässern und textilen Verpackungsmaterialien eine hoch aufragende Komposition geschaffen, die von Ferne an den Umriss eines schwer bepackten, mit zivilen wie militärischen Elementen ausgestatteten Menschen erinnert. Trotz jahrzehntelanger Arbeit vor allem mit vorgefundenen Materialien in seiner Heimat wurde Lind-Ramos erst 2019 im Kontext der Whitney Biennale für den westlichen Kunstmarkt „entdeckt“, dank einer Assemblage, die auf Hurrikanverwüstungen hinweist.
In die Berliner Arbeit hat er eine Ausgabe von [1][Frantz Fanons] Antikolonialismusbibel „Die Verdammten dieser Erde“ integriert. Fanon war selbst einer der Soldaten der Karibikinseln, die in französischer Uniform auf dem europäischen Kriegsschauplatz des Zweiten Weltkriegs kämpften, und der – wie der Untertitel der Ausstellung „Die vergessenen Soldat*innen, die Europa befreiten“ zu Recht bemerkt – seinen Anteil an der Niederschlagung des Faschismus leistete.
Fanon erlebte dabei auch den gestaffelten Rassismus innerhalb der französischen Armee. Ganz unten in der Hierarchie waren die senegalesischen [2][Tirailleurs] – bereits 1857 gegründete Infanterieeinheiten, die anfangs vornehmlich zur Aufstandsbekämpfung in den französischen Kolonien eingesetzt wurden.
Darüber standen Militärangehörige aus den nordafrikanischen Kolonien, eine Etage darüber Männer wie Fanon, die aufgrund ihrer Herkunft aus den Überseegebieten als Franzosen galten, aber eben nicht als gleichrangig mit den weißen Kontinentalfranzosen. Als Kanonenfutter, im militärischen Sprachgebrauch zuweilen auch „Avantgarde“, also Vorausabteilung, wurden sie dennoch gern eingesetzt. Das bedeutete hohe Verluste.
Massaker von Thiaroye
Was das Schicksal dieser Kriegsteilnehmer noch schrecklicher macht, ist, dass sie oft den versprochenen Lohn und die Hinterbliebenen die versprochene Entschädigung nicht oder nur in geringerem Umfang erhielten. Senegalesische Tirailleurs wurden im November 1944, als sie die Auszahlung von Pensionen forderten, sogar im Massaker von Thiaroye niedergemetzelt.
Das Ereignis ist Fixpunkt für mehrerer Arbeiten in der Ausstellung. Binta Diaw etwa, italienische Künstlerin mit senegalesischen Wurzeln, legt ein Erdfeld in der Ausstellungshalle an, das als Grabanlage an die Ermordeten erinnert. Barthélémy Togue aus Kamerun porträtiert auf großformatigen Leinwänden Kämpferinnen und Kämpfer, die dem Massaker zum Opfer fielen.
In der sehr umfangreichen Ausstellung wird auch auf das Schicksal von aus den Kolonien rekrutierten Soldaten im Ersten Weltkrieg eingegangen. In großen Spiegeltableaus reproduziert die [3][Künstlergruppe Slavs and Tatars] etwa die Gefangenenzeitungen, mit denen das deutsche Kaiserreich im Kriegsgefangenenlager in Wünsdorf muslimische Kriegsgefangene zum „Dschihad“ gegen England und Frankreich rekrutieren wollte.
Schmerzliche Lücke
Auch die Beteiligung ehemaliger Kolonialsoldaten an den Befreiungskriegen ist Thema. Unterbelichtet allerdings bleibt die Rolle dieser Verbände bei der Aufstandsniederschlagung im Interesse der Kolonialmächte, etwa bei der sogenannten Befriedung Marokkos kurz vor dem Ersten Weltkrieg.
Eine Position zur Rolle der nordafrikanischen Verbände bei der Niederschlagung der spanischen Republik als Hilfstruppen [4][des späteren Diktators Franco] sucht man ebenfalls vergebens – eine schmerzliche Lücke in diesem großen Panorama, das andererseits auch Arbeiten zu Kriegsschauplätzen in Asien umfasst.
Chefkurator und HKW-Intendant [5][Bonaventure Soh Bejeng Ndikung] richtet das Augenmerk vor allem auf ihre Rolle als Opfer, und in einer Nebenerzählung als Befreiungsaktivisten. Die Täteranteile bleiben weitgehend ausgespart.
Die tauchen am Ende aber in einer bemerkenswerten Arbeit über den Einsatz von Legionären aus dem Globalen Süden in ganz gegenwärtigen Konflikten des Nordens auf. [6][Der Dresdner Filmemacher Mario Pfeifer] interviewte im Auftrag des HKW zwei kamerunische Kämpfer, die in die russische Armee gelockt wurden und am Krieg gegen die Ukraine teilnahmen.
Beide haben, wie sie betonen, nicht die versprochenen Gegenleistungen erhalten, also Sold und russische Staatsbürgerschaft. Russlands Präsident Wladimir Putin steht da ganz in der Tradition des kolonialen Frankreichs. Und ein an sich schon enorm wichtiges Ausstellungsprojekt, das sich in erster Linie historischen Ereignissen widmete, erfährt so aktuelle Brisanz.
24 Apr 2026
LINKS
[1] /100-Jahre-Frantz-Fanon/!6095002
[2] /Koloniales-Erbe-im-Senegal/!6088987
[3] /Kunstausstellung-zum-Essen/!6038612
[4] /Buch-ueber-Erinnerungskultur-in-Spanien/!6149480
[5] /Stimmen-zum-Tod-von-Henrike-Naumann/!6152757
[6] /Videokunst-ueber-Tod-in-Polizeigewahrsam/!5756957
AUTOREN
TAGS
ARTIKEL ZUM THEMA
Medienkunst-Festival in Osnabrück: Auch Bedrohung ist nur ein Spiel
Das European Media Art Festival Osnabrück zeigt Tiefgründiges und Kühnes. Doch Stadt und Landesregierung distanzieren sich – wegen Antisemitismus-Verdachts.
Schau über eine frühe Frauenkunstschule: Frauen am Rande der Wahrnehmung
Eine Ausstellung in Stade erinnert an eine frühe private Kunstschule für Frauen. Ab Ende des 19. Jahrhunderts ermöglichte sie professionelle Ausbildung.
Ausstellungen 100 Jahre Bauhaus Dessau: Stahl, Beton, Glas – und öko?
Vor 100 Jahren zog das Bauhaus nach Dessau. Das wird mit dem Ausstellungsprojekt „An die Substanz“ gefeiert. Was lehrt uns die einflussreiche Kunsthochschule heute?