taz.de -- Ausstellung Öko-Kunst in Herford: Gemeinhin wird es als Unkraut gesehen

„Kartographien des Wachstums“: Im Marta Herford verwandeln Katinka Bock und Lois Weinberger kleine Dinge in eine Kunst über große ökologische Fragen.

Bild: Lois Weinberger: „Invasion“, 2013 Aluminiumguss, farbig gefasst, Detail aus der Ausstellung „Kartographien des Wachstums“

Kunst mit nicht menschlichen Lebewesen ist so eine Sache. Werden Tiere beteiligt, sind schnell entsprechende Organisationen zur Stelle. Dem Kunstmuseum Wolfsburg etwa gehört eine zweiteilige Arbeit des Briten Damien Hirst, „A Hundred Years“.

In den beiden miteinander verbundenen großen Glasboxen können frisch geschlüpfte Fliegen ihr ohnehin schon kurzes Leben riskieren, wenn sie aus ihrem sicheren Refugium in den anderen Raumteil wechseln, hin zu einer betörend hellen, aber leider tödlichen elektrischen Fliegenfalle. Seit 1997 in Besitz des Hauses, lässt sich diese Arbeit heute nicht mehr ausstellen.

Aber [1][wie steht es um Pflanzen]? Hier scheint die Toleranz größer zu sein. Zumindest wirkt es so, steht man vor der Installation „Happy Science“ des Österreichers Lois Weinberger (1947–2020) im Marta Herford Museum. Auf einem langen schmalen Tisch findet sich in Erdaufschüttungen eine Handvoll arrangierten Zivilisationsmülls.

Aus und zwischen diesen Plastikflaschen sowie anderen Behältnissen sollen sogenannte Ruderalpflanzen sprießen. Das sind in der freien Wildbahn all jene Pflanzen, die spontan wachsen, sich mit dem Wind oder durch tierischen Transport aussäen und unkontrolliert weiterverbreiten. Gemeinhin werden sie als Unkraut gesehen, obwohl ihre Pflanzengemeinschaften sehr hochwertige Biotope ausbilden.

In einem Ausstellungsraum glaubt man solch einer Simulation aber nicht so recht, vor allem, wenn die Erstanpflanzung aus Asparagus besteht, bekannt als Bindegrün in kommerziellen Blumensträußen, Efeu und Farn, allesamt veredelte „Kulturpflanzen“. Gut, die Installation dient eher als Illustration des Lebensthemas Weinbergers: die ruderale Gesellschaft.

Auf die Spezies Mensch übertragen, eröffnet solch ein Gesellschaftsmodell viele Freiräume: nicht regulierte Migration, das Sesshaftwerden an einem fremden Ort, die Kraft der Selbstorganisation, die Aneignung auch unwirtlicher Lebensräume.

Neophyten zwischen Gleisen

In seinen Freiraumarbeiten fand Weinberger dafür immer überzeugende Gleichnisse, etwa [2][auf der documenta X] im Sommer 1997 in Kassel. Er brach am Bahnhof ein Stück Asphalt auf, ließ dort Pflanzensamen aus fremden Ländern aufkeimen und siedelte weitere Neophyten, so die botanische Bezeichnung, zwischen stillgelegten Gleisanlagen an. So etwas auch in einem klassischen Ausstellungskontext zu zeigen ist schwierig; eigentlich gelingt das nur über die Dokumentation in Skizzen, Foto und Film. Die sind in der Herforder Schau selbstverständlich auch zu sehen.

Lois Weinberger verfolgte aber mindestens noch ein weiteres Lebensthema: die menschlichen Hinterlassenschaften in Häusern und Haushalten als Zeitzeugnisse ihrer Anwesenheit. Im elterlichen Bauernhaus in Tirol, seit Jahrhunderten im Besitz der Familie, durchkämmte er Dachboden und ungenutzte Abseiten nach solchen Dingen. Seine [3][gesammelten und typologisch geordneten Schätze], datierend aus dem 14. bis 20. Jahrhundert, [4][zeigte er 2017 auf der documenta 14]: „Debris Field“.

In Herford sind auszugsweise Kästen und kleine Vitrinen zu sehen, gefüllt mit Unmengen an Nägeln oder Knöpfen, den hölzernen Zähnen alter Rechen, aber auch eine mumifizierte Katze, die Weinberger per Röntgenuntersuchung genauer inspizierte. In seinen stets etwas pädagogisch daherkommenden Arbeiten schimmert eine feine Poesie durch. Und ein nicht immer erkannter Humor.

Humor ist ein Bindeglied

Humor ist eines der Bindeglieder zu den plastischen Arbeiten von Katinka Bock, die in Dialog zu Weinberger gesetzt sind. Die in Berlin und Paris lebende Bock, Jahrgang 1976, nahm sich nun nicht einen Dachboden vor, sondern eine in China gebräuchliche Nähmaschine namens Churchill Typical. Diese wurde fotografiert, untersucht und zerlegt sowie in einen Bronzeguss überführt.

Mit anderen ebenfalls gegossenen Kuriositäten, etwa einem kleinen Motor oder einem überdimensionalen Löffel, bilden sechs metallene Werkstattböcke eine Strecke von Alltagsgegenständen. In ihrer Transformation in Maßstab wie Material überraschen sie. Prozessuales tritt hinzu: Eine kleine Wasserleitung lässt immer mal wieder einen Tropfen in eine perforierte Kupferschale fallen und weiter auf den Betonfußboden. Beide werden im Laufe der Ausstellung hochästhetische Signaturen annehmen.

29 Apr 2026

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AUTOREN

Bettina Maria Brosowsky

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