taz.de -- Gerichtsentscheidung in Frankreich: Gegen Ruandas Präsidentenwitwe Agathe Kanziga wird ermittelt

Ihr Umfeld organisierte in Ruanda den Völkermord an den Tutsi 1994. Später fand Agathe Kanziga Asyl in Paris. Jetzt holt die Justiz sie endlich ein.

Bild: Agathe Kanziga, bis 1994 die mächtige Ehefrau von Ruandas Präsident Habyarimana, hier bei einem Gerichtstermin in Paris 2014

Eines der heikelsten Kapitel der Verstrickung [1][französischer Politiker mit den Tätern des Völkermordes an den Tutsi in Ruanda 1994] landet nun, mit großer Verspätung, auf den Tisch der Justiz. Ein Pariser Gericht ordnete am Mittwoch Ermittlungen wegen Mittäterschaft am Völkermord gegen eine der letzten lebenden Personen an, die über die Vorgeschichte vermutlich alles weiß: Agathe Kanziga, vor 1994 die Ehefrau von Juvénal Habyarimana, damaliger Staatschef von Ruanda.

In ihrem Familienkreis reifte damals der Plan, ein „reines“ Ruanda ohne Tutsi zu schaffen: Aufwiegelung der Hutu-Bevölkerung, Aufrüstung von Volksmilizen, Genozidpropaganda in Hassmedien.

Agathe Kanziga und Juvénal Habyarimana, beides Abkömmlinge des letzten ruandischen Hutu-Königshauses von Bushiru, heirateten 1963. Da war Habyarimana gerade der erste Generalstabschef des unabhängigen Ruanda geworden. Als Habyarimana 1973 per Militärputsch Staatschef wurde, kam Kanzigas Familie zu Macht und Einfluss.

Ihr älterer Bruder [2][Protais Zigiranyirazo, genannt „Herr Z“], wurde Präfekt von Ruhengeri, wo einst Bushiru lag. Ihr Halbbruder Elie Sagatwa wurde Privatsekretär des Präsidenten. Ihr Cousin Pierre-Célestin Rwagafilita wurde Chef der Gendarmerie. Soldaten aus ihrer Heimatgemeinde führten die Armee. Sie alle und weitere bildeten den akazu, das „Häuschen“ – den informellen Machtzirkel um die Präsidentengattin.

Ein Flugzeugabschuss als Auftakt

Bei ihren Treffen sollen die Namenslisten der zu Tötenden erstellt worden sein. Frankreichs Auslandsgeheimdienst nannte Agathe Kanziga und ihren Bruder „Herrn Z“ in Berichten „die wahren Köpfe“ dieses Täternetzwerks.

[3][Um zur Tat zu schreiten], opferten sie Agathes Mann. Am Abend des 6. April 1994 schossen [4][zwei Raketen das Flugzeug von Präsident Juvénal Habyarimana beim Anflug auf Kigali ab] – mutmaßlich abgefeuert von der eigenen Garde als erster Akt eines Militärputsches, um den Frieden mit der damaligen Tutsi-Guerilla RPF (Ruandische Patriotische Front) zu sabotieren. Das Militär schob der RPF die Schuld zu, übernahm die Macht und rief die Hutu zur Ermordung aller Tutsi auf. Bis zu eine Million Menschen starben, bis die RPF Ruanda eroberte und die Täter ins benachbarte Kongo (damals Zaire) vertrieb.

Nach dem abrupt beendeten Völkermord zerstreute sich der akazu. Manche landeten vor dem UN-Völkermordtribunal, andere fanden Asyl, wieder andere kämpften von Kongo aus weiter. Agathe Habyarimana war am 9. April 1994, wenige Tage nach Beginn der Massaker, außer Landes gebracht worden. Sie saß in der ersten Maschine der französischen Evakuierungsmission, die Weiße rettete und ruandische Tutsi ihrem Schicksal überließ.

Die Witwe zog in die Pariser Eigentumswohnung ihres Mannes, kam nicht an sein Geld, ging nach Gabun, kehrte später nach Paris zurück, erhielt Asyl – und wehrte jahrzehntelang jeden Versuch ab, ihr den Flüchtlingsstatus zu entziehen, sie [5][auszuliefern] oder in Frankreich vor Gericht zu stellen. Die mittlerweile 83-Jährige spielt die graue Eminenz der radikalen Hutu-Diaspora. Ihr Sohn Jean-Luc gilt als wichtigste Verbindung zur Regierung der Demokratischen Republik Kongo, wo noch immer flüchtige Hutu-Völkermordtäter Krieg führen und von der Rückeroberung Ruandas träumen.

Noch im August 2025 lehnte die französische Justiz den Antrag ab, gegen Agathe Kanziga Völkermordermittlungen einzuleiten. Nun hob das Berufungsgericht diese Entscheidung auf. Man darf gespannt sein, was folgt.

6 May 2026

[1] /Voelkermord-in-Ruanda/!5758154

[2] /Portrait-Protais-Zigiranyirazo/!5152202

[3] /Erinnerung-an-den-Voelkermord-in-Ruanda/!5044916

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AUTOREN

Dominic Johnson

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