taz.de -- Neue Epstein-Files: Akten des Grauens

Millionen neuer Dateien zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein – welche Rolle Russland und Israel spielen, welche Folgen das für Trump haben könnte.

Bild: Ziemlich beste Freunde? Donald Trump und Jeffrey Epstein bei einem Event 1997

Vor einer Woche veröffentlichte das US-Justizministerium neues Material zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Was steht Neues drin?

Es geht um 3 Millionen Seiten Text, tausende Videos und zehntausende Fotos. Neben weiteren Details zu bereits bekannten Kontakten Epsteins enthüllen die Akten vor allem weitere [1][Widerwärtigkeiten] in Epsteins Kommunikation. Konkrete Beweise für weitere Straftaten wurden bislang hingegen keine gefunden. Diesmal wurde weitaus weniger geschwärzt als bei den letzten Veröffentlichungen im Dezember 2025. Das massenhafte Schwärzen hatte damals für Kritik gesorgt. Nun ging das Justizministerium so lax mit den Daten von Betroffenen um, dass sogar Telefonnummern öffentlich einsehbar waren – und mindestens 40 ungeschwärzte Nacktfotos. Inzwischen hat das Ministerium etliche Dateien wieder gelöscht.

Welche neuen Informationen gibt es über die Verstrickungen der Mächtigen?

Trotz fehlender handfester Beweise enthalten die jüngsten Veröffentlichungen einige Details über mögliche Vergehen. Auffällig ist jedoch, dass es bei über 1.000 Nennungen kaum Belastbares zu [2][US-Präsident Donald Trump darin gibt]. Ein Foto, das Trump posierend mit mehreren jungen Frauen zeigt, wurde kurzzeitig von Justizministerium gelöscht, angeblich um Betroffene zu schützen – und danach wieder online gestellt. Die im Dezember veröffentlichten Unterlagen enthielten dagegen den Vorwurf einer Frau, Trump habe sie gemeinsam mit Epstein vergewaltigt. Konsequenzen hatten diese nicht.

Dagegen zeigen die Files, dass der Milliardär Elon Musk engere Kontakte zu Epstein hatte als vorher bekannt. Musk hatte den Sexualverbrecher 2019 als „Ekel“ bezeichnet und behauptet, er habe wiederholt Einladungen zu Reisen auf dessen notorische Insel ausgeschlagen. Neue E-Mails zeigen dagegen, dass Musk etwa 2012 erpicht darauf war, der „wildesten Party“ auf Epsteins berüchtigter Privatinsel beizuwohnen.

Auch mit Blick auf Trumps Handelsminister Howard Lutnick, der vergangenes Jahr noch beteuert hatte, 2005 den Kontakt zu Epstein abgebrochen zu haben, zeichnen die Dokumente ein anderes Bild. Demnach arrangierte Lutnick noch 2012 einen Besuch auf Epsteins Insel.

Ex-Prinz [3][Andrew Mountbatten-Windsor] soll 2010 – nach Epsteins erster Verurteilung – den Investor zu einem Abendessen in den Buckingham-Palace eingeladen haben. Der frühere britische Minister und Botschafter Peter Mandelson hat nach Enthüllung seiner Epstein-Beziehungen seinen Sitz im Oberhaus niedergelegt.

Welche Rolle spielt Russland?

„Epstein war der Vermögensverwalter von Putin“, behauptet eine anonyme FBI-Quelle in den neuen Veröffentlichungen. Der Kreml nahm dies offenbar so ernst, dass er sich zumindest zu einem Dementi eines Treffens zwischen Epstein und dem russischen Präsidenten herabließ.

Verschiedene Quellen sehen in Epstein einen russischen Agenten. Demnach könne es sich bei Menschenhandelssystem um eine Falle gehandelt haben, um Politiker:innen oder andere Mächtige erpressbar zu machen. Diesen Verdacht findet auch Polens Premier Donald Tusk nicht abwegig: „Immer mehr Hinweise, immer mehr Informationen und immer mehr Berichte in der internationalen Presse deuten darauf hin, dass dieser beispiellose Pädophilieskandal von russischen Geheimdiensten mitorganisiert wurde.“ Tusk kündigte an, die Verbindungen untersuchen zu lassen.

Fakt ist: Epstein reiste mehrfach nach Russland, und er brachte russische Frauen in die USA und nach Frankreich. In den nun veröffentlichten Dokumenten finden sich E-Mails, in denen Epstein darum bittet, Flugtickets für Frauen aus Russland zu buchen, andere, in denen er behauptet „einen Freund Putins“ zu kennen, der bei Visaproblemen helfen könne, und weitere, in denen er damit droht „Freunde beim FSB“ zu kontaktieren, um einen Erpressungsfall durch eine „russische Frau“ zu lösen. In letzterer Angelegenheit wandte sich Epstein tatsächlich an den FSB-Mann Sergej Beljakow. Inwiefern dieser tätig wurde, ist nicht bekannt.

Welche Beziehungen hatte Epstein nach Israel?

Einige – zu israelischen Offiziellen und insbesondere auch zu Israels früherem Premierminister Ehud Barak. So besuchte Barak Epstein mehrere Dutzend Male und reiste auch in dessen Privatjet. Barak behauptet, er habe keinen Sexpartys beigewohnt. Sicher ist, dass er und Epstein seit ihrem ersten Treffen 2003 auch enge wirtschaftliche und politische Kontakte pflegten. So kann man in einer jüngst von US-Justizministerium veröffentlichten Audioaufnahme aus dem Jahr 2013 ein Gespräch zwischen Epstein und Barak nachhören. Darin empfiehlt Epstein Barak, sich Palantir anzuschauen – jenes Unternehmen von US-Milliardär Peter Thiel, das von Staaten weltweit zur Datenanalyse eingesetzt wird. Später investierte Epstein in Baraks Unternehmen Reporty Homeland Security, heute Carbyne, das Notfallkommunikationstechnologie entwickelt und dem frühere hochrangige Militärs aus Israel angehören.

Wie aus den Akten und E-Mails hervorgeht, verbrachte auch [4][Yoni Koren], ein israelischer Reserve-Oberstleutnant mit Geheimdienstverbindungen mehrere Wochen am Stück in Epsteins Apartment in Manhattan. Epstein nutzte seine Verbindungen in diese hohen Kreise. So unterstützte er 2013 den [5][Verkauf israelischer Überwachungstechnologie] in die Mongolei und fädelte zur Zeit des syrischen Bürgerkriegs inoffizielle Kanäle zwischen Israel und dem Kreml ein.

Warum haben die Epstein-Files nicht zu mehr Anklagen gefĂĽhrt?

Bis jetzt wurden lediglich Epstein und seine Partnerin Ghislaine Maxwell für ihre Verbrechen angeklagt. Doch die Unterlagen enthalten viele Anschuldigungen gegen eine Reihe mächtiger Leute. Das Problem ist, dass diese Aussagen noch keine hinreichenden Beweise darstellen und meist anonym sind. Wenn US-Strafverfolger jedoch gegen andere Beschuldigte vorgehen wollen, brauchen sie Zugang zu Betroffenen, die bereit sind, mit ihrem Klarnamen vor Gericht auszusagen. Viele haben jedoch Angst, einige sind nicht mehr am Leben oder haben sich womöglich bereits außergerichtlich geeinigt. Auch dass die Taten teils Jahrzehnte zurückliegen, erschwert die Beweisführung vor Gericht.

Wie wird das in den USA diskutiert? Hatten Qanon und andere Verschwörer:innen recht?

Heiß diskutiert werden die Veröffentlichungen in den USA unter anderem wegen Donald Trumps Rolle in den Dateien und seinem Umgang mit den Files. Die ehemalige republikanische Kongressabgeordnete und Ex-Trump-Vertraute Marjorie Taylor Greene kehrte dem US-Präsidenten wegen seiner Zurückhaltung bei der Aufarbeitung den Rücken. Andere Republikaner:innen pochen derweil vor allem auf eine öffentliche Anhörung des demokratischen Ex-Präsidenten Bill Clinton, der ebenfalls prominent in den Files vorkommt. Clinton hat inzwischen erklärt, aussagen zu wollen.

Unterdessen kochen im Netz die Spekulationen hoch. In den sozialen Medien kursieren etliche echte und vermeintliche Ausschnitte aus den Akten, darunter etliche KI-generierte „Beweisfotos“. Die ungeheuerlichsten Gerüchte beschäftigen sich mit dem Vorwurf, Epstein und seine einflussreichen Freunde hätten Kannibalismus betrieben – an Kindern. Verschwörungserzählungen über elitäre satanische Pädophilenringe, die im Geheimen die Welt kontrollieren und Babys verspeisen, kursieren bereits seit 2017 in den Kreisen der Qanon-Bewegung. Einige unter deren Anhängern glauben auch, Epstein sei Teil eines solchen Netzwerks und mit den Demokraten im Bunde gewesen.

Das Absurde daran: Auch Donald Trump hatte derlei Mythen lange befeuert, die Existenz von geheimen Klientenlisten in den Epstein-Files behauptet und lückenlose Aufklärung versprochen. Nachdem er wiedergewählt worden war, ruderte er schnell zurück. Ein Umstand, der seine Unterstützung durch die MAGA-Bewegung schwächen könnte.

Tatsächlich beinhalten die neusten Veröffentlichungen unter anderem bizarr wirkende Aussagen aus einem angeblichen FBI-Interview mit einem mutmaßlichen Opfer, in denen es um „zerstückelte Babys“ und „rituelle Opfer“ auf einer Jacht Epsteins im Jahr 2000 geht. Diese scheinen sich jedoch, so weit das zum jetzigen Zeitpunkt bekannt ist, nicht mit anderen Hinweisen zu decken.

Was wissen wir noch nicht?

Auch wenn die Epstein-Files zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht zu weiteren Verfahren geführt haben, legen sie doch die Verkommenheit eines beachtlichen Teils der Reichen und Mächtigen offen. Immer wieder wird auch vermutet, dass politische Einflussnahme eine weitere Aufklärung verhindern könnte, wobei auch in dieser Hinsicht aktuell keine handfesten Erkenntnisse vorliegen.

Konkret werfen US-Politiker:innen dem Justizministerium vor, durch die Schwärzungen und die Zurückhaltung von Dokumenten der qua Gesetz eingeforderten Transparenz nicht nachzukommen. Dem demokratischen Abgeordneten Ro Khanna zufolge habe das Ministerium von 6 Millionen relevanten Seiten lediglich 3,5 Millionen veröffentlicht. „Die Nichtveröffentlichung dieser Akten schützt nur die mächtigen Personen, die daran beteiligt waren, und schadet dem Vertrauen der Öffentlichkeit in unsere Institutionen“, sagte Khanna.

7 Feb 2026

[1] /Die-Epstein-Files-und-die-Moral/!6150785

[2] /Dokumente-ueber-verurteilten-Sexualtaeter/!6150789

[3] /Veroeffentlichung-neuer-Epstein-Akten/!6150282

[4] https://www.dropsitenews.com/p/israeli-spy-yoni-koren-stayed-jeffrey-epstein-apartment-ehud-barak

[5] https://www.dropsitenews.com/p/jeffrey-epstein-ehud-barak-leaked-emails-mongolia-security-deal

AUTOREN

Leon Holly

Fabian Schroer

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